Der Taxifetisch, Teil 4

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Es bleibt leider schwierig, sich mit Taxifetischisten über Praktiken auszutauschen. Sie sind untereinander kaum bekannt. Es gibt keine Foren, keine Treffpunkte, keine Ecken, keine Lokalitäten, also keine „Szene“ oder irgend etwas, das so eine Bezeichnung rechtfertigte. Sicher nicht aus Eigenbrötelei, (Taxifetischisten sind sehr kommunikativ) aber vielleicht, weil hier einfach ein sehr hoher Individuationsgrad in der Ausübung jeden einzelnen auf seinen eigenen sensorischen Habitus zurückwirft; vielleicht aber auch, weil sie fürchten, sich plötzlich mit den sogenannten Verwechslern in einen Topf geworfen zu sehen, also mit den Leuten, die glauben, sich auf der Rückbank eines Taxis nach der Weihnachtsfeier mit der Blase vom Empfang sexuell zu betätigen, sei der Taxifetisch. Oder mit jenen Gelegenheitserhitzern, die heute mal eben den erregten Fahrgast spielen, weil sie von einem Trend gehört haben, der es angesagt erscheinen lässt, sich mit dieser Obsession als besonders weit vorn zu positionieren, während der letzte Sado-Maso-Schrei gerade abklingt oder wie jede „Szene“ irgendwann ausleiert, nach dem die Handschellen, Andreaskreuze, Gynstühle und Klemmeisen endlich auch von der kichernden Sparkassenangestellten samt Platzdeckchen und Knödeldildo entdeckt wurden, oder das „Neuem gegenüber aufgeschlossene“ reifere Pärchen aus Winsen an der Luhe als reizdämpfende Komponente sich beigemengt hat.
Insofern muss ich selbst alles, was ich ganz allgemein über Taxifetischisten äußere, unter Vorbehalt stellen, da ich außer meinem einzigen und deshalb sehr wertvollen Kontakt niemanden sonst kennengelernt habe. Dieser Meister wiederum, und ich denke, er wird gut Bescheid wissen, hat mir einiges erzählt, dass ich als verbindlich und allgemeingültig erachte und deshalb hier auch frei wiedergebe. So hat er mir auch noch eine tiefere Erklärung für die mangelnde „Soziotauglichkeit“ des Taxifetischs geliefert, die er einfach in der Art der Ausübung begründet sieht, da der Taxifetisch einerseits in Alleinausübung an einem technischen Objekt sich realisiere, andererseits aber unter Einbeziehung eines „Blindpartners“, also des Fahrers, der ja zu einem Rendevouz gehöre, obwohl er davon nichts wisse, dabei aber trotzdem in seinem „Spontanitätsraum“ zur Interaktion fähig einen eigenen Freiheitsgrad besitze und deshalb als vollwertiger Partner betrachtet werden könne.
Zudem sei der Taxifetischist ein sogenannter „Chrono-Realien-Sensoriker“, was jede Art von „szenösem Brauchtum“ (damit meint er Studios, Partys, Werkzeuge etc) oder „codierter Resonanz“ (Rollenverteilung, Rituale, Erkennungsmerkmale) verbiete.
Als ich ihn fragte, ob er denn seinen Koffer mit den Blei-Akkus nicht als Werkzeug im Sinne eines „szenösen Brauchtums“ betrachten würde, verneinte er und wies auf den Unterschied zwischen „Werkzeug“ und „Verstärker“ hin. Der Taxifetischist verstärke zwar, aber er hantiere nicht. Das sei ein Unterschied. So zähle er seinen Koffer, ebenso wie meine Telefonanlage zu den Verstärkern (von quatrodimensionaler Realimpression), während er Kneifzangen, Ketten, Klemmringe etc… zu den Werkzeugen rechne, mit denen hantiert und Realität „schlechthin herbeigemurkst“ werde. Selbstredend gäbe es auch fließende Übergänge. So sei die Garderobe bei den Taxifetischisten ebenso wie bei Normalerotikern oder anderen Sensorikern in einem Graubereich zwischen Werkzeug und Verstärker verortet, wobei er persönlich die Garderobe eines praktizierenden Taxifetischisten, zumindest bei den „Könnern ihres Genres“, ganz deutlich den Verstärkern zuordne, während sie bei den Stümpern „zum Werkzeug herabsinke.“
Ob er mich wohl schon zu den „Könnern meines Genres“ zählen würde?
Ich habe nicht gewagt, ihn zu fragen. Tatsächlich verbiete ich mir jegliche Art einer „Vorliebe“, die ja im Grunde nur eine ängstliche Gewohnheit kennzeichnet, dann irgendwann in einem Ritual erstarrt, und am Ende als lebloser Rest und traurige Schrulle die Straße des Lebendigen verstopft. Außer einer einzigen Präferenz, dem strikten Verbot von geruchsverfälschenden Substanzen, behandle ich jede Ausfahrt als improvisatorischen Prozess, der von Augenblick zu Augenblick quatrodimensional inspiriert sich entfaltet und – wenn es gut läuft – am Ende als ein gelungenes Ereignisbild sich präsentiert.
Deshalb gebe ich der Königin auch keine Anweisungen zu Automarke oder Fahrer. (Der Meister hat es mir gesteckt, dass gewisse Zentralen solche „Vorlieben“ bedienen, aber man könne sich dann auch nicht mehr auf die „Authentizität“ der Fahrer verlassen, obwohl die Zentralen dies versicherten. Zwar lasse sich diese Frage als Kitzel ins Spiel mit einbeziehen, aber es bleibe eine Praxis für Gelegenheitserhitzer, weil jeder echte Taxifetischist sofort bemerke, wenn der Fahrer eingeweiht sei, was er als „sensorischen GAU“ empfinde.)
Ich stehe nun vor der Aufgabe, in den verbleibenden 20 Minuten vorzufühlen, und die richtige Garderobe zu wählen. Ob und wann ein Taxifahrer auf die Schuhe achtet, hängt nicht nur vom Charakter des Fahrers (oder Fahrerin) ab, es kann auch mit dem Aussehen der Schuhe selbst gesteuert, also provoziert werden. Ich entscheide mich diesmal für ein Paar in metallicgrün, sogenannter „Fliegenlack“, dunkelchargierend, maßgefertigt, mit eng zulaufenden Spitzen und Sohlen aus dem Stahl alter Schneegleiter, deren Schrittfähigkeit und Flexibilität mit Hilfe von jeweils zwei handgeschmiedeten Scharnieren einer alten Bauerntruhe aus dem 17. Jahrhundert ermöglicht, pitoresk eingeschränkt aber auch geräuschvoll akzentuiert wird – Schuhe also, angefertigt weniger für große Märsche als vielmehr mehr für längere Ausfahrten und den kurzen Auftritt.

Dazu wähle ich ein Jeanshemd im selten gewordenen grobblumigen Stone-washed-look (Maueröffnungs-Trikotage), jetzt allerdings umgenäht und streng tailliert im vietnamesischen Hilfiger-Stil, das wiederum gut koaliert mit einem Sakko unbekannter Marke, welches zweireihig und elfsebtemberlich staubfarben sowohl eilig über die Schulter geworfen als auch normal getragen messinggeknöpft eine zwiespältige Kombination ergibt. Nachdem ich dann mit einer weinroten Hose (Cord mit Schlag, aber maßgekürzt auf 30 cm Hochwasser, was die Schuhe zur Geltung bringt) komplettiert bin, widme ich mich auch schon der Toilette. Und das ist dann der kritische Moment, an dem es aufzupassen gilt. Obwohl die Zeit schon etwas drückt, darf man hier nicht nachlässig werden. Gerade die letzten Handgriffe entscheiden immer darüber, ob man noch glaubwürdig rüberkommt oder eher wie eine Figur, die es nicht mehr in Grimms Märchenbuch geschafft hat, weil schon Redaktionsschluss war.
Eine erste optische Prüfung sagt mir nun auch, dass ich mit dem schief gelegten Pony insgesamt etwas zu weich wirke. Irgendwie nur wie ein Sitzenbleiber in der Waldorfschule. Deshalb benutzte ich jetzt den Cajal meiner Frau, mit dem ich die unteren Augenlieder betone, und tatsächlich gibt diese kleine Maßnahme durch den plötzlich unangenehm wach wirkenden Blick meinem Gesamtauftritt genau die Nuance von Sicherungsverwahrung, die es braucht, um über den Leitstrahl des Innenspiegels einen Taxifahrer von der Rückbank aus gedanklich zu beschäftigen.
Fleischfarbene Hirschlederhandschuhe und ein blaß skizziertes, auf der Höhe der Halsschlagader aus dem Hemdkragen sich schlängelndes bis zum Unterkiefer reichendes Tausendfüssler-Tatoo, das ich durch ein naturseidenes Schnuffeltuch halb verdecke, runden den Eindruck ab; und so betrachte ich mich noch einmal, sehr zufrieden jetzt mit dieser Sonderausgabe von Fahrgast, dessen Erscheinung den Gedanken nahe legt, dass es im Berufsleben eines Taxifahrers vielleicht auch Tage gibt, an denen er sehr gern etwas anderes machen würde.
Dann begebe ich mich auch schon, wegen der Schuhe nicht ganz ohne Mühe, zum vereinbarten Abholort, ein paar Minuten von meiner Haustür entfernt. Ich habe das aus mehreren Gründen so eingerichtet: Erstens, weil ich immer gerne eine kleine Wegstrecke gehe, um mir ein Grundgefühl für meinen Charakter zu geben. Zum Anderen, weil ich meine Ausfahrten nur ungern mit meiner Realadresse verbunden wissen möchte (man kann ja nie wissen, was sich so ereignet) – und drittens, weil ich an dem von mir gewählten Ort für den Taxifahrer besser in Erscheinung treten kann, was des Auftakts wegen wirklich wichtig ist.
Fortsetzung hier zum zum 5. Teil

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2 Antworten zu “Der Taxifetisch, Teil 4

  1. Und hier möcht ich Ihnen ebenfalls
    noch ein warmes Danke hinterlassen –
    haben Sie mir doch eben tatsächlich
    zu ganzkörperlachender Wiederbelebung verholfen.

    Tausendfüßler-Tatoo bis zum Unterkiefer, hm?
    Wenn ich da mal nicht heute Nacht von träume.
    Gedenke den Alp aber mit grinsender Fassung zu tragen.
    Und war so frei, Ihr Hiesiges weiterzuempfehlen.
    🙂

    PS:
    In ungrauer Vorzeit ließ ich mal
    exzessiven Genuss eines Limonen-Sahneschnittchens
    Stabenform annehmen.
    Lange nicht mehr dran gedacht – bis eben.
    Auch schön. Ja.

    PPS: (<– unschön, aber notwendig)
    Dieser Tage fand ich Beitrag von Ihnen
    in irgendeinem Science-Blog.
    Und fragte mich, warum Sie wohl
    soviel Energie in geschlossene Fronten investieren.
    Von mir kenne ich das ja,
    doch traf ich noch auf niemanden,
    der es ähnlich hingebungsvoll betreibt.
    Die Frage hat sich mit heutiger Lektüre beantwortet:
    Sie sind Widerspruchsforscher. Alles klar. 🙂

  2. Pingback: Der Taxifetisch, Teil 3 « Tim Boson / Condor: In Formation…

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