Der Taxifetisch, Teil 3

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Als ein verdecktes Zentrum, kompakt, sich wölbend, in Dunkelheit gepresst, beglänzt, sich kaum bewegend,  leicht eingerollt, sich bäumend, eingeschmiegt in einen Schaum, gelegt, dann wieder ruhend, gestopft, verklebt, bewacht – so stelle ich sie mir vor als die hoch atmende, als die ganz in der Mitte brütende, große Unsichtbare, schwarzgelb knisternde Königin – die Taxifunkzentrale.

Es kommt gehaucht, leise, nicht angestrengt aber ein wenig veräuspert – „Hallo? –  Taxifunk Vierundzwanzig – was kann ich für sie tun?“

Ich höre: Eine neue Stimme, Frau, 41, ein wenig erkältet aber entspannt. Ausgebildete Unterfrequenzen trotz Heiserkeit, also moduliert sie mit dem ganzen Körper, dass heißt, sie ist selbstbewusst, also attraktiv, oder sogar frisch verliebt. Den Doppelresonanzen bei den eingedämpften Spitzen im Amplitudenschnitt nach zu urteilen, trägt sie eine kleine Brücke im linken Oberkiefer, die aber besser gearbeitet sein könnte. Vielleicht sind es aber auch die niedlichen Reste eines Apfels aus der Mittagspause. Die Investition in meine Anlage macht sich bezahlt. Ich sage: „Ach, ich könnt Sie küssen.“

Sie lacht und sagt: „Na da sind sie heute aber nicht der Erste.“

Wußte ich’s doch – frisch verliebt die kleine Sau.

Ich sage: „Ich freue mich für Sie, und wünsche Ihnen alles Gute.“

Sie sagt: „Na danke, das ist nett, wollen Sie ein Taxi.“

(Na sicher. Jadoch.  Ich möchte ein Taxi. Aber ich antworte nicht.)

„Hallo – wollen Sie ein Taxi, sind Sie noch dran?“

Mein Lieblingsspiel. Ich nenne es Das Skalpell. Ich sage nichts. Ich lausche ihrem Lauschen, nur ganz kurz. Ihr zweites Hallo. Was ist das? Ich frage mich immer, wie so eine Pause aussieht, so ein kleiner chirurgischer Einschnitt in einem Gespräch, dass ja noch gar kein Gespräch ist, sondern nur eine Art mündliches Formular.

Um sie bei der Stange zu halten, hüstle ich ein wenig.

„Hallo…?“ – fragt sie noch einmal.

Ja, meine Königin, ich höre, wie dein Hören in die kleine Wunde unseres Dialogs sickert, deine Aufmerksamkeit. Jetzt hörst Du mir wirklich zu. Und das Formular verwandelt sich in ein Gespräch. Wer hätte das gedacht. Und deshalb antworte ich Dir jetzt auch: „Ja, ein Taxi bitte. Und zwar nur für mich. Ganz allein.“

„Wohin?“

„Zu mir.“

„Und wo ist das?“

„Ja, wo ist das – immer wieder eine schöne Frage.“

Sie schmunzelt in ihr Mikrophon, ich nenne ihr die Adresse, sie wiederholt sie noch einmal, damit wir beide wissen, wie ich heiße und wo ich wohne, dann fragt sie:

„Für sofort?“

Ich sage: „Nein, ich denke, 30 Minuten können wir uns schon noch Zeit lassen, also so gegen Siebzehnhundert, mal in der Pilotensprache ausgedrückt.“

Und dann sage ich noch, innerlich schon wieder ganz Zehenspitze:

„Und bitte ohne Spiegelbäumchen. Keine Zitrone, kein Kiefernharz, kein Raumspray“ – und drücke noch etwas nach, in dem ich meiner Stimme einen leichten Aluminiumton gebe: „Haben Sie das verstanden?“

Sie hat. Sie hat. Hmmmm… und wird mir eines ihrer Bienchen schicken.  Zu Siebzehn Hundert. In 30 Minuten. Ich wünsche ihr gute Besserung und freue mich auf das Warten. 

Aber was heißt schon warten. Die Garderobe zum Beispiel. Die Garderobe wird nun wichtig. Wie soll denn das Innenfutter meiner Außenwelt heute aussehen? Eine Ausfahrt ist kein Opernbesuch, das will beachtet sein. Etwas dubiose Schuhe vielleicht? 30 Minuten sind eine schöne Spanne. Ich mache es immer so. Erst das Telefon, dann die 30 Minuten und dann – ja dann: mein Bienchen!

Es gibt Taxifahrer, die auf die Schuhe ihrer Fahrgäste achten. Werde also mal sehen. Dubios dürfen sie sein. Umgekehrt eingerichtet, also erst die 30 Minuten, dann das Telefon und dann „sofort“ irgendwie das Taxi, ergäbe ein unästhetisches Ereignisbild. Stümperhaft. Zerfahren. Zumal es unter den Fahrern Zufrühkommer gibt und Zuspätkommer. Und wann beginnen 30 Minuten? Monsieur Flughafen würde sagen: Ein schweres Verbrechen gegen die chronische Substanz. Und Recht hätte er. Dubiose Schuhe, aber nicht zu dubios, der Fahrer soll nicht gleich erschrecken. Aber verunsichert, das darf er sein. Ein wenig verunsichert. Denn wie und warum oder womit überhaupt dann etwas anfangen? Welches Signal, welcher Impuls? Auch ein Dirigent kommt nicht in den Orchestergraben gelaufen, beginnt irgendwie seinen Tristan, wärend er mit der anderen Hand noch seinen Stab aus dem Frack nestelt. Nein, und das gilt wohl für jedes echte Ereignis, es braucht einen Auftakt. Ohne Auftakt kein Ereignis. Ohne Ereignis keine Zeit. Und ohne Zeit kein Leben. So einfach ist es manchmal. Das habe ich gelernt. Zeit braucht Ereignis, Ereignis braucht Auftakt. Deshalb diese Reihenfolge. Chronische Substanz. Der Meister wäre stolz auf mich. Diese Schuhe könnten genau die richtigen sein…

So beginnt es eigentlich immer, nach dem Telefonat mit der Königin. Innerlich vor mich hin bramabassierend, beflügelt von den köstlichen Schwingen aus Zerfahrenheit und Hyperkonzentration, pendle ich wie ein gescheuchter Schmetterling durch die Wohnung.
Frau und Kind habe ich sich entfernen lassen, in dem ich der Tochter Tage vorher in gewählten Dosen die Aussicht auf einen Zirkusbesuch ins Gemüt träufelte, mit hübschen Ausmalungen über Elefanten, Clowns und gefährlichen Dressuren, bis sie dann so quängelig wurde, dass meine Frau nicht mehr umhin konnte, in den Zeitungsmeldungen nach dem von mir beiläufig erwähnten Wanderzirkus zu suchen, der auch tatsächlich in ungefähr 60 km Entfernung auf einer abgelegenen Wiese sein Zelt aufgeschlagen hat (ich weiß, ich weiß) und damit einen Anlass für einen schönen Familientagesausflug bereit hält, allerdings und bedauerlicherweise plötzlich doch ohne den Vater, der ausgerechnet heute in eine dringende berufliche Angelegenheit verwickelt wird, die ihn unabkömmlich macht – wie schade. Die weitere Entscheidung über den Tagesablauf kann ich dann getrost der Kleinen überlassen. Denn was die Fähigkeit zur Vorfreude betrifft, kommmt sie ganz nach mir. 
Ich bin untröstlich über meinen blöden Termin, und gebe auch zu bedenken, dass der Zirkus bald sein Zelt einrollen werde und niemand wisse, ob er sich jemals wieder hier in der Gegend blicken lasse, was schade sei wegen der Elefanten u.s.w. Dann dauert es ungefähr noch anderthalb Minuten, bis sich auf dem Gesicht meiner Tochter ein  Ausdruck einstellt, den meine Liebste noch viel besser einzuschätzen weiß als ich. Ein Ausdruck, der insbesondere die Mutter noch einmal deutlich daran erinnert, dass gewisse Verabredungen nur durch den Tod beider Elternteile eventuell überprüft werden müssen, ein Fall, der hier aber offensichtlich nicht zutrifft. Es ist auch ein Ausdruck, den man als kleine Wettervorhersage für die nächsten Tage interpretieren könnte, die so etwas wie länger anhaltenden Landregen mit gelegentlichen Hagelschauern ankündigt, vor denen sich ein Vater, ganz naturgemäß, wenn es schlimm kommt, immer unter das Vordach dringender beruflicher Verpflichtungen zurückziehen kann, während die Mutter eines 5 jährigen Kindes, ganz naturgemäß, da eher so ein bisschen draußen stehen bleibt.

Um es kurz zu machen: Ich muss mir meine Ausfahrten, samt den 30 Minuten, die nun mal dazugehören, einfach freiräumen. Und ich konnte mich in diesem Fall ganz auf meine Tochter verlassen, auf die nicht zu unterschätzende Anziehungskraft eines kleinen Vorstadtzirkus, die auch dann wirkt, wenn das Familienauto einfach nicht anspringen will und die 60 Kilometer plötzlich als eine unüberbrückbare Erde – Mond – Distanz sich darstellen. Aber da gibt es ja schließlich immer noch den Vater, der in solchen Fällen gerne die Ärmel hochkrempelt und helfend konstruktiv wird: „Nehmt Euch doch ein Taxi.“

Die Garderobe, die Garderobe. Sie wird nun wichtig. Dubiose Schuhe. Es gilt, den Taxifahrer – nicht zu erschrecken, das wäre zu viel – nur ein wenig aufmerksam soll er werden. Mein Auftritt muss ihn ganz leicht aus der Routine kippen. Es gilt, ihm ein besonderes Gefühl zu vermitteln, ein Gefühl, das ihm sagt, dass er einen Teil seiner Aufmerksamkeit, ganz unbedingt auch noch etwas Anderem zu widmen hat, als nur der Straße. Und dieses Andere sollte er, ganz unbewusst, hinter sich auf der Rückbank sitzend, als anwesend empfinden. Schließlich handelt es sich ja  – um ein Rendezvous.

Fortsetzung hier zum 4. Teil

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Eine Antwort zu “Der Taxifetisch, Teil 3

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