Tim Boson. Exakte Phantasien.

Sex, Hunde, Katzen, kein Higgs-Teilchen.

13. November 2009 · Kommentar schreiben

Ich wette um 4242, 42 Euro, dass im CERN kein
Higgs-Teilchen gefunden wird. Und das
kann ganz ohne Formeln hergeleitet
werden.

Ja, die Überschrift ist bissel reisserisch.
Ich habe auch erst überlegt, ob ich den Sex weglasse
und stattdessen nur schreibe:
„Ich wette um 4242, 42 Euro.“
Aber dann dachte ich, seien wir doch mal realistisch,
Sex schlägt Geld, immer noch um Längen. Deshalb habe ich
mich dann auch für eine – zugegeben – sprachlich
etwas ungelenke Mischung entschieden. Die Hunde
und Katzen sind für die Tierfreunde, der Sex
ein Zugeständnis an alle, die gerne Texte lesen,
in denen es um Sex geht.

Dabei geht es hier gar nicht um Sex, oder nicht nur,
sondern um eine absolut seriöse Überlegung zur
Forschung, genauer: Zur Quantenphysik. Noch genauer:

Es geht um die Klärung einer Jahrhundert-Frage und um
die begründete Voraussage, dass im CERN
keine Wechselwirkungsteilchen für die Masse gefunden
werden.

Die Higgs-Theorie, die ein Higgs-Teilchen
voraussagt, ist falsch.

Der Grund: Die ganze Quantentheorie ist objektiv falsch,
obwohl sie subjektiv – sozial – technologisch – richtig ist.

Wie ist das nun gemeint?

Die Begründung dafür ist eigentlich ganz einfach:

Seit ungefähr 500 Millionen Jahren hat die Evolution
die Angewohnheit, wenn sie bei höheren Tieren
Nervensysteme und Gehirne ausbildet, diese Gehirne
thermodynamisch/elektrodynamisch abzuschirmen.

Anders ausgedrückt: Ein Gehirn muss thermodynamisch/
elektrodynamisch „diskret“ – also unterschieden sein,
damit es sich – „gegen“ – das thermodynamische Fliessen
im Chaos da draussen behaupten kann. Diese Abschirmung
leistet bei allen höheren Tieren, so auch beim Menschen
die Blut – Hirn – Schranke.

An dem Wort „diskret“ kann man schon erkennen,
wie sich der Bogen zur Quantenphysik spannt.

Denn die Hauptmarkierung der Quantenphysik ist
die „Diskretion“ – also die Erfahrung und Berechnung,
dass Energie nur in „diskreten“ auf deutsch: gehackten
Energie-Paketen – eben den Quanten – gehandelt wird.

Zugleich rätselt aber seit etwa 100 Jahren
die Philosophie darüber – und Heisenberg hat sich
der Frage auch zugewandt – wie es denn sein könne,
das Energie, sprich: Wärme, sprich: Strahlung -
sich zugleich als Wellenfunktion und als Teilchenfunktion
beschreiben lasse – und wie es denn sein könne, dass
beide Funktionen zugleich vorlägen – solange – bis ein
Experimentator nachschaue – und hier also erst
mit seinem Nachschauen das Messergebnis festlege.

Berühmtes Beispiel: Schrödingers Katze.

Heisenberg brachte diese Sache auf den Punkt,
indem er feststellte: Seit der Quantenphysik befragt
der Mensch nicht mehr die Natur, sondern der Mensch
befragt die Art, wie er seine Frage an die Natur stellt.

Experimentator und Experiment sind unhintergehbar
miteinander verkoppelt.

Eine Merkwürdigkeit, die bis heute die Philosophen und
nicht wenige Physiker unter Ihnen immer wieder beschäftigt.

Bis dahin war die Wissenschaft immer davon ausgegangen,
dass der Experimentator objektiv ausserhalb des
Experiments stehe.

Und dieses Problem kann hier jetzt geklärt werden:

Die Blut-Hirn-Schranke diskretiert unser Bewusstsein.
Sie ist eine Barriere, die das molekulare, elektromagnetisch
kontinuierlich fließende Chaos sortiert, selektiert und in ein
thermodynamisches (und elektrodynamisches)
Fließgleichgewicht überführt.

Dieses Fließgleichgewicht ist das, was man Gehirn, und bei
uns auch – Bewusstsein nennt.

Ein Fließgleichgewicht ist eine vorübergehend
stabilisierte Balance zwischen Binnenspannung
und Aussendrift.

Ein Fließgleichgewicht ist eine Diskretion, eine Stabilisierung
innerhalb der Entropie. Aber auch eine „Form“ innerhalb
des Chaos.

Ein Fließgleichgewicht ist ein Wirbel in einem Fluss.

Innerhalb des Wirbels entsteht der Eindruck von
Stabilität. (Der Eindruck von Zeitlosigkeit)

Innerhalb eines Fließgleichgewichts können Symmetrien
gerechnet, mathematisch erzeugt und halbwegs stabilisiert
werden.

(Symmetrien sind heute die Standartfunktionen der Quanten-Physik.)

Und innerhalb eines Fließgleichgewichts kann hin – und her
gerechnet werden.

Und schließlich: Innerhalb eines Fließgleichgewichts
kann – fälschlicherweise – angenommen werden,
dass Zeit relativ sei. Da sich innerhalb eines
Fließgleichgewichts quasi nicht viel verändert.

Also der „Bewohner“ eines Wirbels kann nicht wissen,
dass sein Wirbel in einer Strömung in eine bestimmte
Richtung strömt. Unser cognitives – rechnendes
Bewusstsein kann deshalb vor und zurückrechnen,
und so tun, als gäbe es für Zahlen – keine Zeit.

Da aber nun das Gehirn selbst nur in einem evolutionär
stabiliserten thermodynamischen Fließgleichgewicht
existieren kann – tut es was?

Antwort: Es reflektiert seine eigene Diskretion, seine eigene
thermodynamische Stabilität in „Gleichheitszeichen“ – in
„Funktionen“ in „Symmetrien“ – in Mathematik – in die
Wahrscheinlichkeits-Kalkulation – und schließlich
in Handeln, in experimentelle Technik, angewandte
Technik. Das sind – extern – reflektierte Stabilisierungen.

Es konstruiert – es reflektiert – da draussen – nach draussen,
seine eigene Fließgleichgewichts-Symmetrie in die jeweils
neueste „Funktion“, Technik, Gerätschaft – in ein neues
Gleichheits-Zeichen einer vorübergehend stabilisierten
Funktion, die – eine Weile – funktioniert.

Da es aber im ganzen Universum keine ganz geschlossenen
Ränder gibt, (2. Hauptsatz der Thermodynamik) hat jede
Symmetrie-Konstruktion einen natürlichen Fehler – einen Verlust,
einen Symmetrieverlust.

Ebenso wie auch ein Wirbel nicht wirklich geschlossen ist, sondern
sowohl offen als auch geschlossen.

Dieser Symmetrieverlust (Funktionsverlust) als natürlicher
Fehler, häuft sich jeweils solange an, bis „alte“ Fehler gegen
„neue“ Funktionen getauscht werden – im Wechselspiel
von Falsifikation nach Verifikation. ( Paradigmenwechsel,
Ptolemäus-Kopernikus – Darwin, BoltzmannMaxwell – Planck etc….)

Jede Theorie ist irgendwann so fehlerbehaftet, dass
sie durch eine neue erweitert, ergänzt oder ersetzt werden muss.
Diese Entwicklung setzt sich ins Unendliche fort.

Vor ca 150 Jahren war das wissenschaftlich – technologische
Wechselspiel zwischen Verifikation und Falsifikation
bei der Beschreibung der „Energie“ angelangt.

Es konstruierte zunächst gedanklich
den „Schwarzen Körper“ als perfekt
symmetrische Reflektion von Symmetrie um die
Wärmeverteilung von Strahlung im Spektrum perfekt
symmetrisch zu beschreiben:

Zitat:

“Wenn ein Raum von Körpern gleicher Temperatur
umschlossen ist und durch diese Körper keine Strahlen
durchdringen können, so ist ein jedes Strahlenbündel
im Innern des Raumes seiner Qualität und Intensität
nach gerade so beschaffen, als ob es von einem voll-
kommen schwarzen Körper derselben Temperatur her-
käme, ist also unabhängig von der Beschaffenheit und
Gestalt der Körper und nur durch die Temperatur be-
dingt.“ Gustav Kirchhoff, 1860

Man glaubte und nahm an,
dass Wärmestrahlung und Wärme-Verteilung
kontinuierlich fließend sich gleichmäßig
von kalt nach heiß absolut gleichmäßig
verteilt abbilden ließe und sich auch so
verhielte.

Bereits diese Annahme war zugleich richtig und zugleich falsch,
(zugleich offen als auch geschlossen)
weil ein solcher absolut perfekter schwarzer Körper idealisiert in
Natura nicht existiert, oder er müsste total geschlossen sein,
Dann könnte man ihn aber nicht mehr bemessen.

So steckt also schon im theoretischen Gedanken
des Schwarzen Körpers das Mess-Problem, weil
jede Messung den Körper ja wieder öffnet, und er
dann nicht mehr perfekt schwarz ist.

Weil aber unser Gehirn selbst ein im Fließgleichgewicht
als wahrnehmendes und berechnendes,
die Welt über Funktionen stabilisierendes,
thermodynamisch/elektromagnetisches
Organ ist, kam es deshalb bei der
experimentellen (und mathematischen)
Überprüfung durch Max Planck zu einer
folgerichtigen Überraschung:

Die „Verteilung“ der Energie zeigte
sich nicht mehr symmetrisch und gleichmäßig
fließend, sondern bei kurzen Wellenlängen
gequantelt, gehackt.

Max Planck musste – selbst widerwillig -
das Wirkungsquantum (h) als rechnerische
Größe einführen, um die Abweichungen
der Verteilungskurve bei kurzen
Wellenlängen mathematisch zu versöhnen.

Widerwillig deshalb, weil Planck selbst ursprünglich
an Kontinuität glaubte, und ihm sein eigenes
Vorgehen und die Konsequenz überhaupt nicht
behagte.

Eine statische, rechnerische, Größe ist
aber selbst nur wieder eine reflektierte
Stabiliserung.

Eine Konstante ist – wie der Name schon sagt,
ist eine Konstante, also stabilisiert. So auch die
Konstante: h

Der experimentelle schwarze Körper
am Kaiser Wilhelm-Institut in Berlin war jedoch
auch kein perfekt geschlossener schwarzer Körper.

Er war lediglich sehr scharf auf eine „Beinahe-Geschlossenheit“
experimentell erpresst. (Ein Hohlraum mit einer winzigen Öffnung)
Auch dieser schwarze Körper war also lediglich pseudo-diskret.
Genau so – wie die warmen Zahlen und die gesamte Mathematik
in unserem Gehirn lediglich pseudo-diskret sind.
Denn auch eine Zahl, eine Funktion,
eine Gleichung, hat – einen
permanenten Energie-Verlust.
Eine Zahl in unserem Kopf, eine mathematische Funktion, ist
bereits eine neuronal verteilt arbeitende „Form“ der Zeit, die
lediglich im Fließgleichgewicht des Gehirns ihre „Form“
als relativ stabil behaupten kann.
Eine Zahl wäre damit ebenfalls ein fast perfekter schwarzer Körper,
der aber nicht absolut geschlossen ist. Auch die neuronale
„Form Zahl“ hat bereits einen Symmetrieverlust.

Daran hat aber damals keiner gedacht.
Und daran hat bis heute keiner gedacht.

Max Planck tat dabei etwas, das bis heute
philosophisch nicht aufgearbeitet wurde. Er bediente
sich, um die Abweichungen im Strahlungsspektrum
mathematisch zu versöhnen, einer Formel von Ludwig Boltzmann,
die er rechnerisch umfomte.

Ludwig Boltzmanns Formel aber, welche die Wärmeverteilung
an Molekülen ca 30 Jahre früher für ideal geschlossene
Gasvolumina beschrieb, galt bis dahin eben für Moleküle, also
für diskrete und abzählbare relativ große Elemente, die
Boltzmann selbst zu seiner Zeit auch nur hypothetisch
annehmen konnte. Auch Boltzmann konnte seine Moleküle
zu seiner Zeit noch garnicht sehen.

Planck aber hatte es mit Strahlung zu tun.

Jede Wahrscheinlichkeitsrechnung braucht, um Verteilungen
zu berechnen, diskrete Abzählbarkeiten (diskrete Ereignisse,
oder diskrete Dinge, Elemente, Ereignisse oder Häufigkeiten)

Hier sieht man also schon, dass bereits die Wahrscheinlichkeits-
rechnung „Diskretion“ vorraussetzt und schließlich auf diskrete
Zahlen und Ereignisse (zählbare, abschätzbare Häufigkeiten)
projeziert, die sie einfach so als diskret geschlossen annimmt.

Wahrscheinlichkeit braucht Unterscheidung! Diskretion! – also Zeit.

Und die Primär-Diskretion (Unterscheidung) für unser Bewusstsein
leistet thermodynamisch/ elektrodynamisch die Blut- Hirn-Schranke.

Und die Pointe heißt: Die Blut-Hirn-Schranke selbst sortiert bereits
die ungeordnete molekulare, thermische, chaotische und
elektromagnetisch undifferenzierte Physis (Atmung, Ernährung, Ionen, Blut)
in ein geordnetes, sozusagen halbwegs berechenbares Millieu – der
ungefähren Gleichverteilung. Das Fließgleichgewicht in unserem Kopf.

Die Blut-Hirnschranke selbst sortiert und selektiert molekulare Verteilung
und elektromagnetische Verteilung.

Genau das aber beschreibt auch den historischen Übergang von
Ludwig Boltzmann (Moleküle) – nach Max Planck. (Strahlung)

Zwischen Boltzmann und Planck erkennt man eine
historische Blut-Hirn-Schranke im wissenschaftlichen
Diskretieren.

Während Boltzmann – im übertragenene Sinne für die warme Physis steht
(Blut, Moleküle, Körper)
steht Max Planck für die warme Strahlung (Gehirn, Elektromagnetismus, Ionen)

Und siehe da: Es passte. Plötzlich war auch das Strahlungs-Spektrum mit
diskreten abzählbaren Elementen (den Wirkungs-Quanten) so beschreibbar,
dass die experimentell gemessene „Kurve“ der Verteilung „widerspruchsfrei“
mathematisch begründet werden konnte.

Die Energie „funktionierte“ – wechselwirkte -
im wahrsten Sinne des Wortes mit der Mathematik in
unserem oder diesem Gehirn, welche ja ebenfalls letztlich
nichts anderes darstellt als eine energetische – probabilistische
(wahrscheinliche) – Bewegung.

Das Plancksche Wirkungsquantum ist also nichts anderes,
als eine konstruktive Resonanz zwischen zwei „Diskretionen“
(Pseudo-Diskretionen)

1. die energetischen „Diskretion“ unseres Gehirns durch die
Blut-Hirnschranke (bio-evolutionär), samt
Zahlen, Symmetrien, Funktionen, Zeichen, Gedanken im Fließgleichgewicht.

2. der technischen Diskretion als reflektierte Diskretion (techno-evolutionär) Geräte,
Experimente, Gleichungen, Labore, schwarze Körper.

Auch ein technisches Gerät ist ein Fließgleichgewicht.
Es muss als Funktion durch Strom/Energie als Funktion – stabilisiert werden.

Das „Funktionieren“ der Quantenphysik als Beschreibungsmodell
bis in die Techniken hinein, also bis heute, sagt also lediglich etwas
über das Funktionieren einer funktionalen Wechselwirkung
zwischen Mensch, Kognition, Bewusstsein ( brain inside) und der nur diskretiert
beobachtbaren und beschreibbaren energetischen Natur aus. (brain outside)

Deshalb sind funktionierende Techniken und Geräte lediglich
Bestätigungen und Perpetuierungen dieser Wechselwirkungen.
Sie sagen aber nichts über die Natur als solche aus.

Um hier gleich einem Missverständnis vorzubeugen:
Das ist kein solipsistischer Standpunkt.
Und nein, damit wird nicht behauptet,
es gäbe keine objektive Realität.

Vielmehr wird damit gesagt und zugleich bewiesen,
dass der Mensch selbst voll mit seinem Bewusstsein in
einer expansiven, also sich thermisch und informell
ausdehnenden Wechselwirkung als Teil einer
Wechselwirkung mit der Realität befindet.

Information und Energie unterliegen beide der Entropie,
also der Streuung. Und in dieser Streuung, das weiß man
seit Ilya Prigogin, können auch wieder neue Formen
entstehen. (Formen sind Diskretionen)

Ungefähr so wie ein Segler auch Teil der Thermik ist,
die ihn zugleich trägt, die er aber auch benutzt und dadurch
verändert. Ein Segler innerhalb einer Strömung verändert
auch die Strömung.

Und die unhintergehbare nichtrelativierbare objektive Größe
dieser Bewegung ist die thermodynamische Entropie, mit anderen
Worten: Die absolute kosmologische Realzeit.
Mit noch anderen Worten: Die Expansion des Kosmos.

Diese Expansion erzeugt einen Strömungsdruck der zu „Raumzeiten“
verwirbelt. Ergo Massen.
Aber diese Zeit ist nicht relativ. Denn die Zeit ist die Entropie-
Strömung, die zu Massen (und Leben und Gehirnen) verwirbelt.

Das widerspricht Einstein nicht. Es setzt nur den Schwerpunkt
anders, nämlich auf den Strömungsdruck der Entropie,
der zu Zeit-Räumen verwirbelt, die sich schließlich zu Massen
verdichten. (Energie-Dichten)

Mit wieder anderen Worten: Zeit = Form = Masse = Energie.

Massen sind „Formen“ – und als solche „Formen“ sind
Massen beschleunigt rotierende Wirbel der kosmischen
Expansion.

Die so genannte dunkle Energie ist
der „Strömungsdruck“ der expansiven Entropie,
der Formen, Massen, Leben, und schließlich „Bewusstsein“
wirbelnd – rotierend – „formt“.

Die so genannte „dunkle Materie“ ist das informationelle
Potential, „ungeformte“ Masse, welche die sichtbare gewirbelte
Materie wie „Wasser“ einschließt.

Masse = Zeit. Gravitation ist der Strömungs-Sog – zwischen Zeit-Raum-Wirbeln (Massen)

Ein „Wechselwirkungteilchen“ der Masse kann deshalb am CERN nicht gefunden werden.

War das CERN deshalb umsonst?

Nein, weil auch eine Falsifikation, also ein Irrtum eine Information ist,
die Entwicklung vorrantreibt, in dem Falle eine neue Physik, eine
Physik ohne Blut-Hirnschranke, eine Physik die mit warmen Zahlen
rechnet, und nicht mehr mit kalten.

Mensch und Technik wachsen synchron
in Wechselwirkung von Funktion nach Dysfunktion
nach Funktion…..von Symmetriekonstruktion
nach Symmetrieverlust nach Symmetriekonstruktion aus der
Entropie hervor.

Und diese Feststellung ist objektiv. Eine objektive
Realität. Die unabhängig von einem Beobachter ist.

Die Quantentheorie ist eine subjektiv-soziale- „richtige“ Theorie
aber objektiv ist sie falsch.

Wechselwirkung braucht keine „Teilchen“
Wechselwirkungen sind Rotationen (Routinen)
Richtungstausch-Routinen zwischen Wirbeln,
die sich entweder anziehen (unterschiedliche Drehrichtung)
oder abstoßen (gleiche Dreh-Richtung)

Deshalb kann jede Wechselwirkung auch als Schwingung
(Sinus-Rotation) abgebildet werden.

Was also sind Quanten?

Ein kurzes Bild:

Wenn man einen Ton auf einer Mundharmonika bläst,
dann erhält man einen kontinuierlichen Ton.
Wenn man zusätzlich aber mit seinem Kehlkopf
noch einen Ton dazu erzeugt, dann fängt der Ton
insgesamt an zu flattern. Weil der Kehlkopfton
den Ton der Mundharmonika konstruktiv auslöscht
und „diskretiert“ Dieses Tonflattern schwingt nun zwischen
den Stimmlippen des Kehlkopfs und der Stimmlippe
der Munharmonika hin und her.
Im übertragenen Sinne sind dieses Tonfllattern die Quanten.
Es kann nicht genau gesagt werden, ob der Kehlkopfton
des Beobachters flattert (brain inside) oder
der Ton der Stimmlippe der Mundharmonika (brain outside)
Beide Orte sind gleich wahrscheinlich und wechselwirkend
schwingend miteinander gekoppelt.
Eine konstruktive Resonanz, die sich ergibt, weil
unser eigenes Bewusstsein historisch über permanente
trial and error – Prozesse – über die weitere Feinausbildung
der experimentellen Fähigkeit irgendwann die Resonanz-Auflösung
seiner eigenen thermodynamischen „Diskretion“ durch
die Blut-Hirnschranke auf seine energetische Umwelt – diskret – konstruktiv – überträgt.

Was genau der hier postulierte Strömungsdruck ist und warum er exsistiert, wird
die Zukunft beantworten. Ich vermute, dass der Urknall ein erster Symetriebruch
zwischen Energie und Information war, also nichts anderes als die Erfindung
der „Eins“ – die nur in Wechselwirkung zur „Nicht-Eins“ exisiteren kann.

Ich wette 4242,42 Euro, dass im CERN kein Higgs-Teilchen diskretiert wird.

Weil Masse = Form = Zeit – ist.

Der Mensch, sein Gehirn, seine Technik ist lediglich selbst ein mit der
Energie gleich-gültiger kosmologischer Verteiler von
gleich-gültigen Ereignissen. (Diskretionen.)

Der freie Wille ist sowohl wahr als auch scheinlich.

Ein Lebewesen mit Bewusstsein ist selbst lediglich eine
wahrscheinliche statistisch verteilte Wahrscheinlichkeit.

Die Zeit-Verzögerungen bei den Libet-Experimenten
der Hirn-Forschung, sagen lediglich, dass die Hirnforscher selbst
auch ein Gehirn haben. Die Zeitverzögerung zwischen Bereitschaftspotential
und der Ausübung einer Handlung ist eine gekoppelte
Irritation zwischen den Hirnforschen, der Technik und der Versuchs-Person.

Die Kopplung zwischen unserem Bewusstsein und der thermischen „Funktion“
als Technik, ist auch der Grund, warum Physiker sich regelmäßig darüber wundern,
warum bestimmte Konstanten so fein abgestimmt sind, dass nur eine minimale
Änderung hinter dem Komma den ganzen Bau, den ganzen Kosmos und damit
den Menschen unmöglich machen würde. Mit anderen Worten:

Die Physiker haben immer mal wieder den Eindruck, dass die Katze genau da
die Löcher im Fell hat, wo die Augen rausgucken. Auch diese Frage wäre
damit nun geklärt.

Soviel zu Ockhams Rasiermesser.

Abschlussbericht Labor, Freitag der 13. November 2009

Achso, der Hund fehlt noch, der Pudel, des Pudels Kern – ein Wirbel hat kein Kern.

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Denkende Wissenschaft: Zeit als Unterschied.

11. November 2009 · Kommentar schreiben

Denkende Wissenschaft in Gedanken bei Wolf Singer, Anton Zeilinger,
Wolf Dieter Heuer, das CERN, Albert Einstein, Max Planck

Dass Zeit eine relative oder lediglich konstruierte Prozessgröße sein soll,
kann angezweifelt werden.

Selbst wo die Zeit in einer Gleichung nicht vorkommt, vergeht Zeit beim Denken
oder Aufschreiben der Gleichung. Auch hier wird thermodynamisch Wärme
irreversibel gestreut. (Auch Zahlen streuen Wärme.)

Ob relativ oder nicht, konstruiert oder detektiert – die Zeit lässt sich nicht weg diskutieren.
Denn noch in der Lichtgeschwindigkeit ist sie enthalten (Weg durch Zeit)

ZEIT ist BEWEGUNG und der ORT, wo sie sich hinbewegt.

Kein Stillstand, nirgends. (2. H.S.)

Also kann hier gesagt werden:
Ohne Zeit – kein Einstein, keine Relativitäts-
Theorie, keine Lichtgeschwindigkeit.

Einstein selbst ist irreversibel. Auch sein Denken hat
Wärme verbraucht und irreversibel gestreut.

Solange die Zeit benötigt wird, um die Lichtgeschwindigkeit anzugeben,
und rechnerisch mit ihr zu operieren, muss Zeit als Prozessgröße
Geltung haben.

Was also ist die Zeit? Sie ist auch Raum – ja.

Aber die tiefere Definition muss lauten: ZEIT IST DER UNTERSCHIED.

Unterschied zwischen vorher/nachher – Unterschied zwischen A und B -

– Unterscheidung zwischen unterschiedenen Zuständen.

– Unterscheidung zwischen „Ich“ – und „Dort“ – ist die Zeit

– Unterscheidung zwischen „Du“ und „Hier“ – ist die Zeit

– Unterscheidung zwischen Ort (Hirn, Zeichen, Teilchen, Zahl) und Impuls (Blut, Fluss, Wärme, Strahlung )

– Unterscheidung zwischen Blut und Hirn (Blut-Hirnschranke.)

– Unterscheidung zwischen Wärme und Zahl (Blut-Hirn-Schranke)

– Unterscheidung zwischen Unterschiedenem (Blut-Hirn-Schranke.)

– Unterscheidung zwischen absolut und relativ. (Blut – Hirn – Schranke)

Ohne Zeit keine Unterscheidung, keine Diskretion – kein Bewusstsein.

Ohne Zeit kein Unterschied zwischen Zeichen, Worten, Zahlen, Orten, Momenten.

Aus diesem Grunde kann die Zeit keine relative Größe sein.

Ohne Zeit keine Mathematik. Auch Mathematik braucht Zeit.

Die Zeit ist die Entropie. Sie fließt kontinuierlich. Von wärmer nach kälter.

Oder die Entropie wird vorübergehend abgeschirmt: (Blut-Hinschranke.)

Die Zeit ist: Die Unterscheidung zwischen
einer Form und dem Beobachter dieser Form.

Die Unterscheidung ist die Zeit, die den Unterschied formt.

Deshalb auch: Zeit = Form

Zeit ist die Unterscheidung, die Zeit braucht. (Zeit schafft)

Zeit ist die Bewegung in Bewegtheit: DES UNTERSCHEIDENS.

Bewegung, Benennung aber braucht immer die ZWEI – das Unterschiedene.

Das Beobachtete des Beobachters – ist die Zeit.

Die ZEIT ist, was die ZWEI sind. Und ZWEI sind immer.

Die EINS kann behauptet werden
nur im Verhältnis zur NICHT-EINS.
(eine absolute – einsame EINS existiert nicht)

Zeit ist Unterscheidung. Unterscheidung macht Form.

Unterscheidung ist Bewegung.

Keine geschlossenen Ränder, nirgends.

Kein Stillstand, nirgends – Also ZEIT.

Masse = Zeit, (verwirbelter Strömungsdruck der Entropie.)

Masse ist gewirbelte Zeit. Masse hat keine Wechselwirkungsteilchen.

Quanten sind konstruktive Resonanzen zwischen unserem diskretiertem Gehirn (Blut-Hirn-Schranke) und
einer kontinuiertlichen Entropie des Universums (energetische Ausdehnung.)

Zahlen, Zeichen, Punkte, Funktionen, Linien, Technik – sind Pseudo-Diskretionen
(Kleine-Fließgleichgewichte, ebenfalls gewirbelt, halb offen, halb geschlossen.)

Die Zukunft braucht eine Physik ohne Blut-Hirn-Schranke. (Ohne Fließgleichgewicht.)

Mathematik ohne Zahlen („warme“ Zahlen.)

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Meta-Thermik: Zeit als Form

3. November 2009 · Kommentar schreiben

Der Zusammenhang war mir noch nicht ganz klar.
Deshalb griff ich nach einem weißen Blatt Papier,
und knüllte es in meiner Hand zu einer Knüll-Kugel.

„Was habe ich getan?“ – frage ich Kaminskie.
„Habe ich dem Papier Zeit zugefügt?
Oder Energie ?

Kaminski sagt: „Beides. Du hast eine gewisse Arbeit
in das Papier gesteckt. Kraft mal Weg.“

„Ich habe es geformt.“

„Ja, du hast es geknüllt.“

„Geformt, darauf bestehe ich.“

„Na gut, geformt“

„Interessant daran ist aber, – sage ich zu Kaminski -
„das diese Knüllpapierkugel jetzt belastbarer ist
als ein Stück Papier, wenn es ungeknüllt bliebe.
Ich kann mit dem Knüllball jetzt Fussball spielen,
Es verändert ihn nicht großartig.
Er ist sogar elastisch jetzt, flexibel, stabil.

(Ich werfe ihm die Kugel zu.)

„Worauf willst Du hinaus.“ – fragt er .

„Ich frage mich“ – sage ich zu Kaminski -“ob es einen ganz
direkten Zusammenhang gibt zwischen Form und Zeit -
oder vielmehr: Information – und Zeit. Ich frage mich,
ob in dieser Papierkugel Zeit gespeichert ist.
Und ich frage mich, ob ich die Zeit, die in der Papierkugel steckt,
wiederhaben kann.“

Kaminskie antwortet: „Also es ist so, du hast genau genommen
Energie als Arbeit in die Form der Kugel investiert. Du hast eine
Kraft mal Weg – Funktion investiert, um die Fläche des Papiers
auf eine Kugel zusammen zu knautschen.“

„Aber das Knüllen des Papiers hat auch Zeit in Anspruch genommen.
Warum steckt in der Formel für Arbeit: Kraft mal Weg – keine Zeit?“

„Ich kann dich beruhigen“ – sagt Kaminski – „wenn man den
Vorgang als Energieumsetzung betrachtet,
hast du die Zeit wieder drin.“

1 Joule = 1Newtonmeter = 1 Wattsekunde.

„Verstehe, in „1 Joule“ steckt also immer auch die Zeit
als Watt-Sekunde.“

„Ja, das Knüllen der Kugel hat eine gewisse Zeit in Anspruch genommen.
Aber diese Zeiteinheit ist ein beweglicher Faktor.
Denn du hättest das Blatt Papier ja schnell oder langsam falten können.
Auf die Form der Kugel hat das keinen Einfluss.“

„Moment, Kaminski, dass heißt aber dann, wenn ich die Kugel
ganz langsam und gemächlich gefaltet hätte, wäre genau so viel
Energie sprich Wärme umgesetzt worden, als wenn ich
sie blitzschnell zusammengeknautscht hätte?“

„Ja, prinzipiell, wenn du sie in beiden Fällen exakt gleich formst,
wenn man sie also als absolut form-identische Fälle von
Zusammenknüllung betrachtet, bleibt der Energieaufwand der selbe.“

„Was schätzt du?“

„Na ich schätze mal, du hast beim Knüllen ungefähr 50 Wattsekunden
umgesetzt oder 50 Joule oder etwa eine Arbeit von 50 Newtonmetern geleistet.“

„Gut Kaminski, aber du musst zugeben, dass ein Teil dieser Energie oder der
Zeitanteile jetzt irgendwie in dieser Form gespeichert ist.
Warum ist diese Knüllkugel um so vieles formstabiler als ein offenes Blatt Papier?
Habe ich dem Papier nicht, in dem ich es knüllte, eine Art Zeitvorrat gegeben?
Ein Zeitvorrat, der sich darin zeigt, dass diese Papierkugel nun
resistenter gegen weitere Veränderung durch Entropie ist.
Der Zusammenhang ist doch irgendwie offensichtlich….“

„Das musst du mir näher beschreiben, damit ich deine Frage besser verstehe.“

„Gut, also stell dir vor, dein Leben würde von ein paar Sekunden abhängen,
die den Unterschied ausmachen, ob ich eine fest geknüllte Papierkugel
in einen Ofen werfe oder ein loses Blatt Papier.
Welche Form würde schneller verbrennen?“

„Das Blatt Papier würde schneller verbrennen.
Bei der Knüll-Kugel würde es länger dauern.
Weil das offene Blatt Papier mehr Angriffsfläche
für die Hitze bereitstellt. Bei der Knüllkugel würde es
eindeutig länger dauern.“

„Richtig. Das heißt aber doch dann, dass mir die Form der geknüllten Kugel
jetzt sozusagen mehr Zeit schenkt. Sie schenkt mir möglicherweise ein
paar Joule wieder zurück, in Sekunden, aber jetzt nicht als Energie -
sondern als reine Zeit, die sie länger dem Feuer stand hält.
Und das, obwohl es ja nicht irgendwie „mehr“ Papier oder „mehr“ Materie ist.“

„Das stimmt“ – sagt Kaminskie – „aber nur immer im Verhältnis
zu diesem ungefalteten Papier.“

„Müsste man aber dann nicht“ – frage ich Kaminski -
„über einen Zeiterhaltungssatz“ nachdenken, der über
das Phänomen „Form“ vermittelt ist? Es stellt sich doch die Frage,
ob in diesem Sinne nicht vielleicht jede „Form“, also jede Materie
letztendlich nichts anderes ist – als thermodynamische ZEIT – FORM.
Ich habe nicht umsonst die Wärme des Ofens bemüht.

Anders ausgedrückt: Zeit und Form wären äquivalent.

Oder noch anders: Zeit = Form = Wärme = Materie= Gravitation.

Was ist mit diesen Sekunden, die es länger dauert,
bis eine geformte Knüllkugel verbrannt ist, im Gegensatz
zu einem losen Blatt Papier?

Oder noch anders: Materie wäre ein thermodynamisches
Fließgleichgewicht der Zeit.
Eine temporär stabilisierte Form der Zeit. Ein Wirbel in einem Fluss.
Eine Fluss-Faltung der Entropie.

Eine geknüllte Papierkugel wiegt zwar genau so viel, wie das lose Blatt,
aber dafür – „hat“ – sie mehr ZEIT. – im Feuer – in der Wärme.“

„Darüber muss ich nachdenken.“ – sagt Kaminskie.

Es ist ein Gedankenexperiment, dass eigentlich danach fragt,
was genau Form ist. Wie kann man den abstrakten Begriff „Form“
definieren unabhängig von einem Stoff, der die Form „hat“..
Also anders ausgedrückt: Was heißt: „Form haben“ ?
Denn „Form“ und das, was sie bezeichnet, hat ja keine Temperatur,
sie ist ein Akzidenzbegriff.
Deshalb die Idee der Untersuchung, was Formung bedeutet,
ohne dass ich dem Material etwas wegnehme oder hinzufüge – das Knüllen.
Die Spekulation überlegt hier, ob es nicht ganz grundsätzlich so sein könnte,
dass im Prinzip jeder „Stoff“ also jede „Materie“ lediglich „Form“ ist.
Ob „Form“ und „Stoff/Materie“ eigentlich das selbe sind.

Normalerweise nimmt man nach Einstein an, dass Zeit relativ zur Masse ist.
Aber es gäbe noch eine andere Betrachtungsweise.
Was, wenn die Thermodynamik kosmologisch so dominant ist, dass eine
Art Strömungsdruck der Entropie wirkt, weil alle Ränder offen sind.
Ein Strömungsdruck, der zu Massen verwirbelt. Und diese Massen wären dann
quasi Zeit-Wirbel, Zeit-Formungen?
Dann wäre die einzige echte Konstante des Universums die thermodynamische
Strömung von warm nach kalt. Als gerichteter Prozess.

Die „Form“ entspricht hier in diesem Fall offenbar einem
höheren Ordnungsgrad. Aber von was?
Thermodynamisch hieße das: Ich habe das Blatt Papier verdichtet,
oder innerlich beschleunigt wie ein Gas.
Die Knüllkugel müsste dann also – im übertragenen Sinne –
eine höhere „Temperatur“ haben. Oder eine Art „innere Beschleunigung“
Die relativ chaotischen Faltungen innerhalb der Kugel -
was bedeuten sie eigentlich?
Oder ist es umgekehrt: Hat die geknüllte Form innerlich
eine geringere Temperatur? Aber eigentlich habe ich nicht das Papier,
sondern lediglich seine Struktur verändert.
Seinen Raum-Bedarf. Oder seinen Raumanteil auf ungefähr
den einer Kugel verringert? Aber was das eigentlich bedeutet, ist mir nicht
ganz klar. Mir ist auch nicht klar, was die Prozessverzögerung Verbrennen
der Kugel thermodynamisch oder zeit-raum-dynamisch
eigentlich aussagt.
Witzigerweise ist das ja hier alles noch klassische Physik vor Einstein.
Allerdings ist das Szenario thermodynamisch gewählt, weil alle thermischen
Prozesse einem gerichteten Prozesspfeil von Warm nach Kalt unterliegen,
der auch als thermodynamischer Zeitpfeil bezeichnet wird.
Was hier interessant scheint, ist dieses seltsame Umtauschverhalten zwischen
investierter Arbeit, die eine Raum-Größe enthält (Weg) und eine
Zeitgröße in den Wattsekunden – dann aber wieder durch verlangsamten
Abbrand in einem Tauschverhältnis steht. Denn ich könnte ja selbst, in den
Sekunden, die die Papierkugel länger dem Fauer standhält,
auch einen Weg zurücklegen……Fluchtweg (Sorge?)
Oder ist vielleicht schon die Formung selbst Sorge -
nämlich Sorge um eine Form, Sorge um ein Blatt Papier…

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Physik der Antiphysik

23. Oktober 2009 · 2 Kommentare

Teil 1: Schwellen.

Warum etwas opfern. Ein Opfer ist eine Kommunikation mit einer metaphysischen Macht.
So schreiben es die Lexika.
So sagt es Eliade, der Religionsforscher. Alle Religionen dieser Welt kennen eine solche Kommunikation. Der Angesprochene, der Herbeikommunizierte ist ein Geist, ein Ahne, eine Göttin oder ein Gott. Oder ein Zeichen.
Ein Zeichen von Physis oder Nichtphysis.
Der Opfernde gibt etwas hin. Öl, Reis, eine Maske, Rauch, ein Tier, Feuer, ein Tanz, den Rausch, ein Stück Rinde…. auch ein Menschenleben.
Der Grund: Kommunikation. Aber mit wem? Steht hier nicht Physis gegen Metaphysis, das Unsichtbare?
Und überhaupt, ist diese Art zu kommunizieren nicht eher eine Einbahnstraße?
Gibt es Antworten?
Die Mythen gehen immer selbstverständlich davon aus. Und noch die Sagen berichten davon. Der Drache sagt: Bringt mir jährlich eine Jungfrau und ich lass Euch in Ruhe. Dionysos fordert den Rausch, den Ritus, und sogar das Mysterienspiel, das Theater, die frühe griechische Tragödie. Alles soweit klar. Aber wer hat sie wirklich gesehen die Götter, die Geister, die metaphysischen Mächte?
Vielleicht hat man sie früher einfach öfter gesehen. Sie ließen sich eben blicken, kamen vorbei oder zeigten sich in der Extase. Traten hervor.
Als moderner Mensch, der auch gerne mal zwei oder drei Gläser über den Durst trinkt, kann man sich gerade noch vorstellen, dass man etwas hervortreten sieht.
Dafür tanzten früher Befugte, Beauftragte, Priester, Schamanen, Zaubermänner, Spezialisten – mit der Lizenz zum Betrunkensein, zum Rasen, zum Durchdrehen, zum Rausch, ja, auch zum Töten. Ein Hieb mit der Keule, ein Schnitt mit der Klinge und ein langer roter Faden floss vor der ebenso roten Sonne bald über die heiligen Stufen der Stadt Tenochitlan.
Es geht auch weniger brutal. Ein Paar Kokablätter in den Fluss gerieben, damit der nicht oder gerade deshalb über die Ufer trete. Ein Schluck Wein auf die Erde gegossen für den Gott der Ähren und Ernten. Olivenöl für den Olymp…
Opfern bewegt Physis, ist Handlung. Handeln. Ein Handel. Es müssen auch nicht immer Gaben sein. Handlung kann auch Tanz sein, oder ein Rausch, ein Ritus, eine Zeremonie, eine Liturgie. Auf jeden Fall aber meint das immer: Physis. Physis im Rausch, im Tausch. Aber im Tausch gegen was?
Gibt es das Wesen da draußen? Da oben? Im Fluss? Im Himmel? Im Olymp?
Für den Opfernden ist das keine Frage. Denn indem er handelt, Handlung vornimmt, beweist er es. Er bewegt die Luft, zündet Feuer, lässt bluten, schwitzt, tanzt, raucht, schwenkt Töpfe, zündelt in Schalen – und handelt. Schon die Handlung gehört dazu, zur Zeremonie des Opfers. Auch eine Handlung ist Gabe, Hingabe, Physis, Opfer. Zuhören. Sie ist Anspruch auf Ansprache. Kommunikation. Aber mit wem? Wer ist da draußen? Sind es die Ahnen, die Wesen, die Geister, die Götter? Kann man sie sehen?
Wozu der ganze Aufwand? Muss das sein?
Ja. Es muss sein. Der Wald, das Feld, der Fluss, der Himmel, die Frau, der Mann, das Kind müssen einen Sinn haben. Es muss ein Sinn in ihnen wohnen. Es muss da wer sein, den ich ansprechen kann, den ich bitten kann, dass der Regen kommt, bei dem ich mich beschweren kann, wenn er ausbleibt, oder auch, bei dem ich mich entschuldigen kann, wenn ich ihm zu nahe getreten bin. Dafür muss das sein. Wenn der Fluss überläuft, der Wald brennt, oder die Ernte verdorrt, die Tiere brüllen, da draußen muss es einen Bevollmächtigten geben, mit dem ich sprechen kann. Der mit sich reden lässt. Und mit dem man handeln kann. Die Welt ist so eingerichtet. Ich muss etwas tun, handeln, dann handelt sich etwas, verwandelt sich etwas, dann kriege ich etwas. Regen, Rat, Vergebung oder den Sieg, die Frau, die Heirat, die Schlacht, das Kind. Von nichts kommt nichts. Also handle ich, damit der Regen kommt. Oder damit das Blut ausbleibt. Ich rufe den Bevollmächtigten. Den Abschnittsbevollmächtigten. Ich biete einen Tausch an. Ich kommuniziere. Ich opfere. Ich opfere bis es regnet. Ich opfere bis der Arzt kommt. Ich entzünde mein Feuer, ich brenne eine Maske, vergrabe meinen besten Bogen, oder ich stampfe einfach mit den Füßen auf diesen Grund voller Sinn.
Ich opfere. Gebe eine Gabe, ein Leben, meine Kraft – also, lieber Gott, lieber Geist, mach dass es gut wird. Komm schon.
Opfern ist Handeln für einen Sinn. Handeln. Handlung. Gabe. Gebet.
Pflanze, Blut, Fleisch, Rauch, Feuer, Stimme, Physis. Der Opfernde gibt das Wesentliche und erfährt dabei – das Wesen, den Geist, den Gott. Darin, in diesem Handeln im Wesentlichen zeigt er sich schon. Die Metaphysis zeigt sich in der wesentlich erregten Physis. Das ist das Opfer. Das ist der Handel, die Gabe, das Gebet. Die Handlung ist der Handel. Ein Tausch.
Das Wesen des Ganzen wird sichtbar. Sein Sinn. In der Handlung, im Handel, im Tausch mit dem Wesentlichen. Gott wird sichtbar, ohne dass ich ihn anschauen muss. Und der Geist berührt mich in der aufgewühlten Physis, ohne dass ich ihn anfassen muss. Das ist ES. Das ist SIE. Das ist ER. Das bin ICH. Das sind WIR. Mitten im Rauch, im Tanz, im Feuer ahne ich ihn, den Ahnen. Ich ahne den Ahnen, den Geist; im Blut des Geopferten kann ich ihn auch sehen. Ich spüre ihn. Die Kommunikation ist hergestellt. Das System ist stabilisiert. Das Wesen zeigt sich mir im Wesentlichen, in einer mächtigen physischen Bewegung.

So funktionieren fast alle Religionen. Bis heute. Auch die asiatischen. Nur setzen die ein starkes Minuszeichen vor die Physis, dann folgt aus der Beruhigung eine Verwandlung in den Sinn.

Der tiefere Grund für alle Religion:
Das menschliche Bewusstsein ist als „Form“ ebenso offen wie auch geschlossen.
Es ist ein elektrodynamisches Fließgleichgewicht. Um bewusst zu „sein“, muss es eine permanente Fließgleichgewichts-Verhandlungsroutine „tauschen“ zwischen innen und aussen.

Zeichen lesen tauscht gegen Physis schreiben tauscht gegen Zeichenlesen tauscht …etc..

Die Sinne sind die elektromagnetischen Einlasskanäle (Auch Wärme ist eine elektromagnetische Erscheinung im Spektrum) Die Reflexe – als Reaktionkanäle sind als „Gegen“ – Steuerungskanäle die reaktiven nach aussen gerichteten Stabilisatoren. Das Bewusstsein vibriert oder zittert  in einer Oszillation – innen – aussen. Bewusstsein haben heisst: Eine Innen-Außenbalance zu „verhandeln“ Daher auch der Eindruck, eine Person habe „Schwingung“

Das Gehirn muss – um steuern zu können – eine gewisse Autarkie gegenüber der fließenden reinen Physis der Themodynamik behaupten. Es muss einen UNTERSCHIED behaupten, um steuern zu können. Es braucht eine Isolation. Es muss „schwimmend“ gelagert sein. (Der General darf nicht die Schlacht selbst sein) Es muss selbst  – wie eine – autarke Zelle durch eine halbdurchlässige Membran von der nurfließenden Physis abgeschirmt sein.
Dies Abschirmung leistet die Blut-Hirnschranke – bei allen höheren Säugetieren.

Je stärker die Abschirmung durch die Blut-Hirn-Schranke, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Teil der Oszillation von physisch – elektromagnetischer Aktion – Reaktion innerhalb der Zelle gespiegelt – also reflektierend hin und her geworfen wird. Ein Teil der Oszillation kann den Kopf  nur noch stark verzögert sowohl erreichen als auch verlassen.
Dieses Hin – und Her-Spiegeln von Anteilen der flexiven und reflexiven Balance-Handlungen erreicht irgendwann einen „Schwelle“ – an dem das Gehirn so viele Anteile elektromagnetisch re-flextiv hin und her-spiegelt, dass es selbst „Form“ wird – also „WELT“ – in sich selbst spiegelt und mit dieser Spiegelung zu allem was „da draussen“ physisch ist oder von aussen physisch auf es eindringt ein neues Wort sagt – DU!
Das Wort, das zugleich das ICH miterzeugt.

So trennt aber dies Blut-Hirnschranke auch alle höheren Funktionen von der Physis des eigenen Körper ab.

Deshalb externalisiert der frühe Mensch auch alle unbewussten und phyischen Belange, die Triebe und Gewalten und Mächte des eigenen Körpers mit einem „DU!“

Religion ist und war nichts anderes als diesem „Du“ – da draussen vor der Schranke einen Namen zu geben – also den Namen „Gott“

Drogen und Extasen sind eine Möglichkeit die Blut-Hirnschranke zu überwinden und zu diesem Gott Kontakt aufzunhemen. Opfern, Beten, Sprechen sind Opfer – Techniken(!) eine andere Möglichkeit.

Der größete Anteil des Gehirns ist eine schwimmend – gepuffert gelagerte Blase – eine dissipative offen-geschlossene Form in der Zeit. Innerhalb des Cortex fließt keine Realzeit. Das Gehirn und der Cortex selbst exisiteren für sich -  zeitlos.

So bilden Religionen auch Gemeinschaften bis heute. Aber das ist hier nicht wichtig. Ob die ganze Gemeinschaft den Ritus beging, ein einzelner für sich oder nur ein Schamane oder Priester als Stellvertreter im Schauspiel für alle, ein Ritual aufführte, dessen die Umstehenden ansichtig wurden – das eine große Prinzip von Religionen ist der Tausch. Der Tausch Physis gegen Metaphysis. Und dieses Prinzip hat auch die Bauten erstehen lassen, die Sakrale, die Pyramiden, die Menhire, die Werke und Gewölbe, die Kirchen, Tempel, Kathedralen und Moscheen. Ganze Kulturen wären ohne die Physiken des Opfers, und seien es die Opferphysiken der Arbeitskraft, nicht denkbar gewesen. So wirkt das physische Opfer auch als eines der ersten vornehmsten Kräfte der Techniken und der Ästhetiken, der Wirkungen und Anschaungen. Was dem Abwesenden gewidmet war, hat Anwesenheit geschaffen. Die unsichtbaren Metaphysiken haben also doch geantwortet und sich sogar als Baumeister betätigt. Wer oder was hat den Petersdom gebaut? Die Physik oder die Metaphysik? Das Sichtbare oder das Unsichtbare? Geist oder Materie?

Die Kirche als Bau. Die Kathedrale. Sie ist eine Statik, geweihter Ort, Grabstätte, sakraler Raum, Immobilie. Woraus besteht sie? Besteht sie aus Physik oder Metaphysik? Wer hat die Kirche gebaut? Gott oder die Menschen? Was macht ihre Statik? Geist oder Materie?
Ist eine Kathedrale Stein gewordenen Metaphysik? Die heilige Stadt Jerusalem, was ist sie? Physik oder Metaphysik. Ist sie Energie oder Information, Körper oder Geist, Mensch oder Gott? Oder Beides? Sind es zu Ziegeln und Gewölben auskristallisierte Kommunikationen mit Gott?  Sind es statische Opfer?
Ist ein sakraler Bau wie der Kölner Dom vielleicht schon die frühe Verwandlung von religiöser Energie in Masse, in Stein? Viele Jahre vor Einstein? Was ist dieses Gehirn, das nach Antworten sucht und zu kommunizieren beginnt, Kräfte, Energien zu opfern bereit ist? In die Umwandlung hinein gibt und in das Wesen, in die Masse. Um was zu bekommen?

Klick.

Die Kirche war Ende des 15 Jahrhunderts eine solche Masse. Eine ungeheure Masse. Sie war Weltmacht. Eine Masse, ein Brocken, eine Wucht, ein Kotzbrocken auch, und ein schöner Konzern. Ein Weltkonzern nach damaligen Maßstäben. Ihr gehörten ganze Gebiete, Wälder, Seen, Landschaften. Bistümer. Sie war reich. Eine große Immobilienbesitzerin. Ihr gehörte die halbe Welt, gut vielleicht nicht ganz, aber fast, jedenfalls regierte sie heftig mit, der damalige europäische Raum stand unter ihrer Fuchtel, obschon die weltlichen Fürsten darüber murrten. Doch sie war das Wirtschaftsimperium ihrer Zeit. Sie war Physik. Aber diese Physik war recht ordentlich organisiert. Sie hatte ihre Tochter und Franchise-Unternehmen in den klösterlichen Orden. Zisterzienser, Augustiner, Benediktiner, Dominikaner. Ganz ordentliche Tochterunternehmen eben, die wie kleine und große Filialen als Geist-Tankstellen oder Mac Donaldsfillialen die Karte Europas dicht an dicht mit roten, blauen und grünen Stecknadelköpfen übersähten, hätte es damals schon solche Stecknadeln gegeben. Das Netz lag sogar so dicht, dass es eben durchaus möglich war, als Mönch zu Fuß von Köln nach Rom zu pilgern, was nicht selten vorkam. Wenn es auch dauerte. Man liest von erstaunlich vollen Wegen und von Klöstern und kirchlich oder zwielichtig verwalteten Herbergen, die sich eben beinahe alle 50 Kilometer den Wandernden anboten. Es muss einiges los gewesen sein auf diesen Wegen, wenn sie auch nicht unbedingt ganz sicher waren. Und in Rom saß die Konzernzentrale. Sehr üppig. Sehr weltlich. Die Päpste, zuletzt aus weltlichen Advokatendynastien, namen es eher lässlich, vergnügten sich mit ihren Geliebten hinter den Mauern oder scharmützelten mit Venedig herum. Alles in Butter. Und schließlich, auf dem Höhepunkt ihrer Dekadenz ließen sie sich von den Raffaels und Michelangelos dieser Welt beeindruckende Bilder malen. Rom wurde nun Hollywood. Gott auf Breitwand.
Der Konzern funktionierte gut. Abgesehen davon, dass es immer mal wieder Probleme gab mit dem Besetzen von Posten und Pöstchen, dem Unterbringen von Bastarden und Nepoten, dem Versorgen von unehelichen Töchtern oder irgendwelchen Bischöfen, die man loswerden musste, weil sie sich als Dummköpfe untauglich zeigten.
Aber auch diese hierarchische Struktur glich exakt dem heutiger Konzerne. Oben saß Gott als der Vorstandsvorsitzende, es folgten der Papst als sein Stellvertreter und dann die Bischöfe, Bosse, Abteilungsleiter, Äbte, Priester, Diakone, Mönche bis hinunter zu den Schafen und Schäfchen, die geweidet und geschoren wurden. Diese Kirche war eine physische Welt. Eine sinnlich greifbare und anschauliche. Sie hatte alles. Neben ihrem ungeheuren Besitz an Immobilien und Länderein gehörten ihr auch die Universitäten und viele Bibliotheken, Schnappsbrennerein und Kräutergärten. Sie bestimmte wesentlich das Geistesleben. Und das war eigentlich gar nicht mal so schlecht. Wahrscheinlich muss man sagen, dass die Intelligenteren damals eher in den Klöster anzutreffen waren als auf dem Feld oder der Straße. Ach was, natürlich, es gab dort alles an Charaktären, vom Taugenichts, zum Drückeberger, der adligen Tochter, die versorgt sein musste, Fett-und Pfropfmönche, hohlwangige Asketen  Gelehrte. Diese Klöster waren eher selten Sündenpfühle, wie es uns Der Name der Rose erzählt, aber es gab auch solche und solche. Solche, in denen arme Nonnen sich prostituierten und solche in denen gearbeitet und gebetet wurde, solche die verlottert waren und solche die wie straffe Wirtschaften funktionierten und Überschüsse verkauften und wo man sich Witze über den Papst erzählte, solche in denen geforscht, geschwiegen und geschrieben wurde und solche in denen es von allem etwas gab; oder solche, in denen kirchliche Kontrollbeamte, die nach dem Rechten sehen wollten auch schon mal verprügelt und nackt wieder vor die Tür gesetzt wurden. Das Leben in den Klöstern war mindestens so bunt wie draußen. Und es war wesentlich vom Charakter des Ordens bestimmt. Trotzdem blieben auch für die Klöster die Sommer kurz und die Winter lang. Die Kirche gab Arbeit und Aufträge. Für Architekten, Baumeister, Künstler und Statiker. Obschon sie Grundlagenforschung kritisch beäugte, reglementierte oder gar repressierte, förderte sie die technischen Wissenschaften und Fertigkeiten erheblich. Vieles was an Wissen über Wirkungen, in der physische Herstellung und des Handelns war, ging auf ihr Konto. Die Kirche war wissenschaftsskeptisch, aber sie war nicht technikfeindlich. Im Gegenteil.

Woher hatte sie das alles? Woher hatte sie diese enorme Physis? Ja, es waren Eroberungen und Politik und Nepotismus im Spiel und Korruption, wie das bei Konzernen und Imperien so üblich ist. Aber ihre Macht und ihren Reichtum und das Gewicht ihrer Stimme gründete letztlich auf etwas Unsichtbares. Auf etwas Metaphysisches. Es gründete sich auf Angst. Und zwar hatten viele Menschen damals nicht unbedingt Angst vor der Kirche als weltliche Macht, das sicherlich auch, aber vor allem hatten sie Angst vor einem ungnädigen Gott, dessen Stellvertreter die Kirche war, und der sie in der Hölle brennen lassen konnte, für immer brennen. Es fällt heute schwer, sich vorzustellen, wie real, wie ernst zunehmen, wie wirklich entsetzlich wirklich und nah und verzweifelt möglich es für die Menschen damals schien, es vielleicht nicht in den Himmel zu schaffen. Wie greifbar war diese Angst? Das Fegefeuer war so nah wie ein Stück Brot.
Eine Welt, in der es diese Möglichkeit ganz real gab, dass man nach dem Tode im Feuer brennen könnte. Diese metaphysische Größe der Wirkung der Angst vor dem Fegefeuer hatte ein solches Gewicht, flößte solchen Schrecken ein, in ihrer Nähe, dass sie eine Wirklichkeit war. Heute würde man sagen: Der Tod selbst war ein Scheißdreck dagegen. Eine greifbare Angst, so greifbar, dass man damit Handel treiben und ein großes Opfertauschgeschäft in Gang setzen konnte.
Ängste, Hoffnungen, der Glaube, all dies sind Wirkungen des Unsichtbaren. Metaphysische Wirkungen. Aber sie schufen Wirklichkeiten.
Die Wucht, die Masse, der Brocken, die Physis, dieses Imperiums Kirche gründete in einem gut organisierten Handel und Tausch von Opferphysiken gegen – nicht gegen Gott, auch nicht gegen den Teufel oder Geister, nein, man ertauschte sich – Gnade. Es war ein Gnadenhandel.
Gnade war das begehrte Gut, dass nur der Klerus als Vermittler im Tausch anbot. Die Gnade des Gottes zu seinen Sündern. Und sündig waren natürlich immer alle. Daran bestand kein Zweifel. Schließlich war man ja Mensch und spielte als solcher auf der Klaviatur der Begierden, Triebe, Sünden und Register.

So waren im Laufe der Jahrhunderte die Gnade und die Angst in die Schlachten gen Jerusalem gezogen, so hatte die Gnade und die Angst Kirchen, Städte, Stifungen, Klöster und Bistümer erbaut. Die Gnade und die Angst hatten Europa physisch möbliert und ihm eine erste supranationale Infrastruktur gegeben. Die Päpste waren so die ersten Vorsitzenden einer Europäischen Gemeinschaft.
Aber auch die Ehrfurcht, Hoffnung und die Emphase hatten mitgebaut. Und  -
Die Liebe.
Aber Fleischeslust gehörte damals zu den Sünden. Und sie war dies notwendigerweise. Denn diese Liebe, obschon sie sich nicht ganz unterbinden ließ, war streng reglementiert. Sie gehörte ja irgendwie doch zur Physis. Ein Reglement, das ihre nicht reglementierbaren Anteile des Sexus und der Lust und der Übertretungen und das Vergnügen und den Rausch den Sünden zurechnete. Und damit die Wirkung der Angst, wie über ein Hebelgesetz in die Routinen der Entlastungen und des Gnadenhandels trieb. Beichten. Gebete. Opfer. Ablässe. Geisselungen. Kniefälle. Nerven-und körperaufreibende Pilgerorgien und zum Teil blutiger Askesen.
Die katholische Kirche bediente sich eines metaphysischen Hebels, indem sie die Liebe, die Lüste und Genüsse und alle definierten registrierbaren Vergehen aus dem Fleisch in Steine trieb. In Technik verwandelte, wo sie zu hohen Räumen, und kathedralen Kristallen gefror. Bezahlt mit Abgaben und dem schlechten Gewissen der Schäfchen. Aber natürlich auch mit Eroberungen.
Angst und Hoffnung auf Gnade, das sind die Steine ihrer Gründungen und Bauten. Die Angst und die Gnade benutzte sie als Werkzeug.
Und dieses Werkzeug baute Großes. Sehr Hohes.
Denn die weltlichen Fürsten und Könige arbeiteten fleißig mit. Sie betätigten sich als Stifter. Auch sie gaben ein Teil ihres Reichtums an die Kirche hin. Davon zeugen die Stifte, die deshalb so heißen. Auch wenn diese weltlichen Stiftungen für die Kirche oft auch von einem taktischen Interesse motiviert waren, immer ein bisschen Korruption auch im Spiel blieb, letztlich konnten sich auch die mächtigsten weltlichen Herrscher nie sicher sein, wie nah oder fern auch ihnen die Hölle lag.
Und noch die Bilder und Meisterwerke der so genannten Renissance sind mit solchem Hebel-Werkzeug erschaffen, dass sie mit Ablässen, Opfern und Gaben finanzierte aus der Registrierkasse der Sünden.
Die Kirche baute und strukturierte und unterhielt ein metaphysisches Imperium, mit einem unsichtbaren Herrscher an der Spitze.

Klick.

Aber wie gerecht war dieses System? Wie gnädig war diese Physis? Sie funktionierte und war zweifellos gut organisiert. Ein Körper, der hierarchisch von einem Gott-Oben genährt wurde und an seinem Hölle-Unten die Angst-und Gnadenbauten ausschied, die wiederum steil nach oben wiesen.

Aber war dieser Gott wirklich gerecht? Murmelte man nicht schon längst hier und da? Flüsterten man nicht schon längst an den Universitäten aber auch hinter den scholastischen Kathetern, dass hier irgend etwas nicht stimmen konnte? Wenn ein Armer, der fast nichts hatte, auch noch etwas geben musste, und infolge dessen noch ärmer wurde, so dass er womöglich von der blanken Not getrieben erneut sündig wurde. Und was waren das für Bischöfe und Päpste und Manager, die sich einen Dreck um das Sündenregister scherten, aber nur weil sie reich waren und in der Hierarchie weiter oben saßen, sich der Gnade näher wähnen durften. Sie sich erkaufen durften. Wer bestimmte eigentlich die Preise? Waren sie nicht auch, ob sie es wollten oder nicht in einem Sündenmechanismus gefangen?

Wie kriege ich einen gerechten Gott?

Und wie kriege ich einen Gott, der bei diesen
Widersprüchen wirklich gnädig sein kann?

Über diese Frage stürzte Luther in tiefe Verzweiflung.

Diese Frage stellte sich Luther. Sie wurde ihm gestellt. Aber von wem? Wer stellte Luther diese Frage? War es der Zweifel selbst? Ein Reflektionsüberschuss, die Verhältnisse?
Hier muss nun abgekürzt und auf einschlägige Werke verwiesen werden. Es dürfte auch schwierig sein, dass exakt nachzuweisen. Denn diese Frage lag damals in der Luft. Die Zeit war reif. Und er war nicht der einzige, der über diese Frage nachdachte.

Scheinbar exakt nachzuweisen, oder jedenfalls Luthers eigener Aussage nach, ist der Zeitpunkt und der Anlass, der ihm Antwort gab.

Luther kam zu diesem Zeitpunkt als Mönch selber aus der kirchlichen Hierarchie und kannte die einschlägigen Argumente und die inzwischen eigentlich ziemlich festgefahrenen Diskurse der Scholastiker, die in hoch verfeinerten Argumentationen sehr klug durchaus auch stritten, sich fetzten und diskutierten. Aber in den Klöstern gab es Hierarchien und viele Mönche, ja wahrscheinlich die meisten, bekamen ihr ganzes Leben lang die Originalschriften der Testamente, der Bilbel, gar nicht zu Gesicht. Sie hatten die Scholastiker zu studieren und betrieben Kommentarstudien oder Abschreibungen der großen Kirchengründer und Lehrer von Augustinus  über den Gründer der Scholastik wie Thomas von Aquin, bis hin zu den Spätscholastikern wie Wilhelm von Ockham oder Duns Scotus, die ihrerseits verschiedene Ansichten vertraten und so immer mal wieder Anlass zu gepflegten Disputen gaben.  Die Diskurse der Scholastiker waren nicht dumm, sie waren auch nicht in dem Sinne dogmatisch, dass sie Überlegungen oder Diskussionen gänzlich ausschlossen. Ja, es wurde sogar gestritten. Aber worüber stritten sie?

Sie stritten durchaus über sehr interessante Fragen:

Stehen Glaube, Liebe, Wille höher als Vernunft?
(Duns Scotus – Ja! Thomas von Aquin – Nein!)

Kommt den metaphysischen Begriffen wie „Glaube“, „Wille“ oder den Klassebegriffen wie „Zahl“
oder den Kategorienbegriffen wie „Form“ eine reale Existenz zu oder sind es nur abstrakte Benennungen, Nomina?

(Wilhelm von Ockham – ja, sie sind real existierend!
Anselm von Canterbary – nein, sie sind es nicht, aber…!)

Dazwischen andere Fragen, gemäßigte Positionen und Haltungen. Frühe sehr kluge Diskurse. Philosopheme, die sich letztlich auf die Grundprobleme zurückführen lassen, die schon die Vorsokratiker auf ihre Weise und dann auch Platon und Aristoteles aufwarfen und bis ins 20igste Jahrhundert die philosophischen Köpfe erhitzten. Und es gab auch immer schon Positionen des Ausgleichs. Die Nein-abers und Ja -abers wucherten und näherten sich an, bis sie sich in einer Art metaphysisch-physischen Unschärferelation verloren.
(Ganz sicher stecken in der ganzen reichen Scholastik eigentlich schon fast alle Debatten und ein Großteil der Philospopheme des 19. Jahrhundert und mehr noch des 20igsten Jahrhunderts. Nur dass im 20igsten Jahrhundert nicht über Realien und Nomina gestritten wurde, sondern über Phänomene (Husserl) und Sprache (Wittgenstein) )
Auch diese Debatten haben sich scholastisch und diskursiv in die Ja-abers, und Nein – abers ausdifferenziert. Haben Lehrstühle erschaffen, Posten genährt, kleine und Große Meister, Schüler, Kirchlein, Väter und Söhne. Und es gab da bis zu Luther durchaus auch interessante Bewegungen, in denen ein Kopf geächtet, und dann, nach einem Jahrhundert, wieder zugelassen war.

Man kann hier fragen, was macht ein Mensch, ein gottesfürchtiger Denker, der klug ist, der weiß, dass es einen unbezweifelbaren Gott gibt, was macht ein solcher Mensch mit seiner Freizeit? Er wendet sich den durchaus interessanten Detailfragen zu. Er richtet seinen Reflektionsüberschuss auf Detailfragen, die keine Detailfragen bleiben müssen. Die Beschäftigung mit ihnen kann durchaus plötzlich ans Ganze rühren und gefährlich werden, wie bei Duns Scotus, der auf Grund seiner Haltung Schwierigkeiten bekam.

Reflektionsüberschuss? Warum gibt es den?

Es gibt ihn, weil sich im Laufe der Jahrhunderte das physisch-metaphysische Opferritual aus der Balance der Räusche und Extasen und im Übergang vom Polytheismus zum Monotheismus auf der einen Seite in einen sich verdünnenden Zustand der gemurmelten und geflüsterteten Zeremonien, der  Lithurgien und Beichten, der Gebete und Gaben hinein beruhigt hatte, während die Physis, der Rausch, das Stampfen, das Blut, der Trieb, die Lust über den Werkzeugkasten des Sündenkatalogs und des von der Kirche betriebenen Gnadenhandels zum großen Teil erst in die Rgistrierkassen und dann per bezahlter Arbeitskraft in die mächtigen Bauten und Kathedralen, in die festen Strukturen der Orden und Unternehmen geflossen war, die eine erste wuchtige physische Infrastruktur errichteten. Physik gebaut mit Metaphysik.

Und das hat Nietzsche nicht gesehen. Diesen Tausch hat er nicht gesehen. Er hat lediglich gesehen, dass der Mensch „gezähmt“ wurde. Aber er hat nicht gesehen, dass die physischen Energien in die physischen und energetischen Strukturen und Bauten der Kirche, der Kathedralen und Stifte geflossen sind und dort auskristallisiert waren. In die erste große reale Infrastruktur Europas.

Nicht Zähmung hat hier stattgefunden, sondern Tausch.

Aber zurück zur Scholastik. Was die Scholastik betrifft, gab es interessanter Weise einen „Sieger“, jedenfalls einen Dominator.
Und der heißt Thomas von Aquin.

Thomas von Aquin also setzt die reflektorischen Erkenntnismöglichkeiten in eine ganz klare und eigentlich sehr durchschaubare rationale Hierarchie, in der es ein Oben und ein Unten gibt. Ganz „oben“ ist das „Sein“, das doppelgesichtig und unscharf ist (analog) In ungeteilter Gänze kommt es nur Gott zu, alles was darunter liegt hat lediglich „Anteil am Sein“ und splittet sich dann in Teilen von Teilen zu Teilen des Seins.

Diese Art der Hierarchisierung hat er von Aristoteles übernommen, der in seiner Art zu denken und zu kategorisieren ebenfalls einen Zug zur Matroschkapuppe hatte.

Warum ist das so erfolgreich? Es ist deshalb erfolgreich, weil man das Problem der Doppelgesichtigkeit – dass also das „Sein“ zu beiden Anteilen aus Physis und Metaphysis (Energie und Information) besteht – ans Jenseits, zu Gott hin delegieren kann. Was man erkenntnistechnisch reflektorisch nicht lösen kann, schiebt man weg. Das Ungelöste bleibt dann eben Gott.

Somit hatte man dann zwar im Reflektorischen die Möglichkeit, unendliche Begriffsbildungen und Nominalien zu erzeugen,mit denen es sich durchaus operieren lässt, über die es sich dann auch streiten und disputieren lies, aber was in den blinden Fleck gerät, ist die Physis, sind die Energien.

Die nämlich, also die Physis, die Physik, die Energien, die Handlung, das Handelnde rutschen dann hierarchisch „hinunter“ in die Ethik und in die Frage nach dem richtigen Leben.
Aber damit geraten sie notwendig hierarchisch u n t e r die Meta-Physis. Werden von Ihr getrennt und nähren fortan den Streit um Substanz und Akzidenz, um Potentialität und Aktualität.
Was de fakto ins unglückliche Bewusstsein (Hegel) oder in die unglückliche Praxis führt (Quantenphysik)
Nur die Mystiker (Meister Eckhard oder Johannes Tauler) und Alchimisten als dialektische Praktiker ahnten immer schon von diesem Tausch, und dass hier an dieser Trennung etwas nicht stimmen kann.
Ebenso später der deutsche Idealismus mit seiner Dialektik auf der Reflexionsseite. (Hegel – Phänomenologie des Geistes: Unglückliches Bewusstsein)

Die abendländische Philosophie nach Aristoteles musste deshalb immer trennen zwischen Metaphysis und Physis, Nomina und Realien, Handeln und Erkennen, zwischen Praxis und Theorie, zwischen der praktischen und der reinen Vernunft, zwischen Phänomenen und Begriffen.
Und schließlich hat sie getrennt die „Zwei Kulturen“ von Wissenschaft und Kunst. Explosion und Ästhetik. Ansicht und Blendung. Und gesellschaftlich zeigt es sich in einem eingependelten Zustand zwischen Stoizismus und Skeptizismus oder im Gegensatzpaar von Statik und Dynamik, Gnosis und Emphase.

Warum aber war damals Thomas von Aquins Denken außerdem so erfolgreich? Weil sich seine Hierarchie der Matroschkapuppe, in der es ein Innen und ein außen gab, ein „Oben“ und ein „Unten“ wunderbar dazu eignete, die hierarchische Struktur der Kirche zu rechtfertigen und zu stützen. Und diese Struktur, die zugleich einen Ernährungszusammenhang begründete, setzte sich noch für Jahrhunderte erfolgreich fest und erschuf bis zu Luther eine metaphysische Moderne, das metaphysische Europa mit seinen Kathedralen als hochragende Abschussrampen.

Klick.

Bis Luther und andere darüber nachdachten, ob diese Struktur gerecht war. Und ob man einen Gott, der in einer Hierarchie oben stand, als gerecht bezeichnen konnte, wenn er doch durch diese Hierrarchie seine Untergebenen mehr oder weniger zur Sünde zwang.
Das Opfern der Religionen, dass ursprünglich immer als Kommunikation um den Ausgleich von Physis und Geist gerungen hatte, war heruntergekommen auf einen Handel der Bereicherung, der den Kirchenfunktionär reich machte, und das unterste Schäfchen ärmer aber beide gleichermaßen nicht frei von Sünde ließ, während die ehemals die in Staub, Blut und Extase der Riten aufgewühlte Physis über die Arbeitskraft in die steinernde Infrastruktur der Bauten, der Klöster, der Technik abfloss.

Luther, talentiert und begabt, arbeitete sich in der Kloster-Hierarchie nach oben, wurschtelte sich mühsam durch die Diskurse  und Kommentare und immer feiner werdenden Argumente der Scholastiker, blieb unzufrieden, und durfte schließlich auch die Quelltexte studieren, besorgte sich die Bibel und las. Und irgendwann las er da im Römerbrief einen Satz des Paulus:

D<em>enn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche aus dem Glauben kommt und zum Glauben führt; wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus dem Glauben leben.</em>

Luther guckt diesen Satz an und überlegt. Er versteht ihn erst nicht ganz, aber er spürt, dass hier irgend etwas sehr wichtiges gesagt wird. Etwas ganz wichtiges.

„…welche aus dem Glauben kommt und zum Glauben führt? “

Was soll denn das heißen? Glauben tun wir doch alle irgendwie.

„Der Gerechte wird aus dem Glauben leben…“  Was soll das dann?

Und wann, verflixt, ist denn jemand bitteschön – gerecht?

Luther hat jetzt ein Problem. Dieser Satz ist ein logischer Zirkel, etwas das seit in der aristotelischen Logik verboten ist, weil es sie aufhebt und weil es die klare Hierarchie von Aquin, der ihm allerdings immer unsympathisch war, von oben und unten, von innen und außen in Frage stellt, in dem es sie kurzschließt. Dieser Satz zerstört die schöne Matroschkapuppe, macht sie unmöglich.

Aber dieser Satz ist weder eine klare Aussage, noch eine eindeutige Frage. Er liegt dazwischen.

Luther hat später berichtet, dass er über diese Stelle „meditierte“.

Tagelang? Wochenlang?

Meditieren heißt eigentlich: sich in die Mitte begeben. Vermitteln (meditare)

Der komplementäre Ausdruck für meditieren heißt: Verzweifeln.

Aber ein Sprichwort sagt: Unentschieden ist nur der Tod.

Also meditiert Luther, verzweifelt und stirbt, überwindet den Tod und wird wieder lebendig, indem er für sich eine Entscheidung trifft.

Luther deutet: Der Mensch wird a l l e i n aus dem Glauben leben.

Später steht der Satz auch so da. Das a l l e i n  – ist Luthers Entscheidung und Präzision. Es steht so nicht im griechischen Original, was heute auch allenthalben bekannt ist.

Aber diese Entscheidung hat noch eine Konsequenz. Und Luther ist konsequent.
Wenn der Mensch a l l e i n aus dem Glauben lebt, dann kann Gott nur a l l e i n
aus Gnade gerecht sein.

Dass heißt aber: Es findet kein Handel mehr statt! Kein Opfer!
A l l e i n der Glaube vermittelt jetzt zwischen Gott und dem Menschen. Keine Extasen, keine Räusche mehr, aber auch kein Ablasspredigen und quälenden Busspraktiken mehr.

Allerdings: Das Register der Sünden bleibt.

Glaube, das wäre ein Nomina, eine Metaphysis. Aber was ist mit den Energien, der Physik, der Entlastung, der bequemen Möglichkeit, mich von meinen Sünden frei zu kaufen und frei zu beichten? Was ist mit den Bauten?

Gibt’s alles nicht mehr, sagt Luther. Tut mir leid, wer einen gerecht gnädigen Gott will, muss darauf verzichten. Oder jedenfalls auf das Allermeiste. Und das gilt jetzt für alle Menschen. Für die Schäfchen, wie für den Papst.

Die weitere Geschichte ist bekannt. Luther wollte nicht die Kirche in Frage stellen, auch nicht die Hierarchien. Schon gar nicht die weltlichen. Aber das war naiv. Denn welches Gesetz gab es noch wirklich, außer diesen in sich selbst verschlungenen Glauben.

Und die weltlichen Fürsten, denen die weltliche Macht der Kirche insgeheim immer schon nicht geschmeckt hatten, beschützten Luther nun. Denn sie ahnten oder wussten, dass damit das gesamte meta-physische Kircheneuropa ins Wanken geriet, und die Macht der Kirche gebrochen wurde. Was ihnen nur Recht sein konnte. Schließlich mussten sie sich jahrhunderte lang mit dieser Kirche die Macht teilen – auf ihren eigenen Territorien.

Und so kam es dann auch – wie man weiß.

Luther hatte meditiert und war durch die Mitte des Zweifels und den Tod des Unentschiedens hindurch für sich selbst und für die, die er dann durch glänzende Rhetorik und brilliante Ableitungen überzeugte zu einer Entscheidung gelangt. Aber er konnte nicht sehen, dass diese Entscheidung noch ganz anderer Fragen berührte, die er nicht oder nur wieder apodiktisch beantworten konnte.

Die Folgen sind bekannt. Luthers Entscheidung war eine systemtheoretische und kommunikative Katastrophe. Woher und wie jetzt noch weltliches Recht definieren, wenn vor Gott alle gleich waren?

Unentschieden ist der Tod.

Und dieser Tod kam  über die Bauern, die auch a l l e i n gerecht und also nicht mehr fremdbestimmt leben wollten. Er kam über Thomas Münzer.

Und schließlich fegte der Tod des Unentschieden wie eine metaphysische Atombombe als Krieg durch Deutschland und halb Europa 30 Jahre lang.

Immer hin und her gingen die Fronten.

Glocken wurden zu Kanonen umgegossen und Kanonen zu Glocken.

Die Physiken, die Energien, die im Gnadenhandel der Kirche so gut gebunden waren, für die Luther aber kein Gefäß und keine Verwendung mehr hatte, keine Sammlungsmöglichkeit bereit stellte, wurden destruktiv frei in einer Spaltung dieser Masse mit Namen Kirche. Als plötzliche Bindungsenergie einer metaphysischen Spaltung, die diese Kirchenspaltung war. Viele Klöster und beinahe die gesamte Infrastruktur der Kirche wurden dem Erdboden gleichgemacht, bis die Bevölkerung durch Pest und Krieg und Hunger und das gesamte Land so müde und erschöpft war, so dass es dann nach 30 Jahren endlich zum Frieden kam.

Dieser Krieg war die reine Physik, die Luther aus der Kommunikation mit dem Gott verbannt hatte. Indem er das Opfer verbot, brachte er Opfer hervor.

Es blieben Ruinen und verbrannte Felder und ein Mensch, der fortan zweifeln musste, wenn er Protestant war.
Dieser zweifelnde Mensch, a l l e i n mit seinem Glauben und a l l e i n mit seinem Gott ist der Mensch der Neuzeit.
Der Zweifel Descarts’ der sich dann zu einem ungeteilten „Ich“ überwand ist ohne Luther nicht zu denken.

So erlebt sich der neuzeitliche Mensch sich heute als ein Isotop, als ein Kern mit einer met-physischen Disballance in einem  meta-physischen Zwiespalt, immer unsicheres Überbleibsel, hervorgegangen aus einer Verzweiflung, Meditation und einer Kirchenkernspaltung.

Heiner Müller lässt in seiner Hamletmaschine den Hamlet, der in Wittenberg studiert hat, aber auch den Hamlet, der in jedem ein wenig steckt, einen Text sprechen:

„Ich sitze zu Hause und schlage die Zeit tot mit meinem ungeteilten Selbst.“

Das ist die Situation des neuzeitlichen Menschen nach Luther, und dann nach Descartes.

Denn der protestantische Mensch der Neuzeit, kann sich nie mehr ganz sicher sein, ob er wirklich alles richtig macht, ob er tief und fest genug glaubt. Ob er gerecht ist, und ob er Gott wirklich erreicht in seinem A L L E I N S E I N nach Luther.

Er darf nicht mehr opfern. Er ist das Opfer.

Oder: Er muss wieder handeln.

Aber was handeln, wenn ihm die Opferhandlung, der physische Ritus verwehrt ist?

Er muss tüchtig werden. Tüchtig und gut.

Und an Stelle der hingebenden Physik des  handelnden Opfers tritt eine Form der Tüchtigkeit und des Interesses. Da ihm habituell der Rausch und die Extase und der Ritus als die direkte und handelnde Verbindung zur Physis aber auch der Gnadenhandel verwehrt ist, entdeckt er die Physis neu. Ganz anders. Sie wird ihm Gegenstand nicht der Vermittlung, aber der Anschauung. Er opfert ihr das Licht seiner Augen und einen Großteil seiner Aufmerksamkeit.

Diese Bewegung Luthers hat den Gott dezentralisiert. Der protestantische Gläubige ist nun jeweils mit seinem Gott allein, und agiert nun als mobiler Server. Die Hierarchie wandelte sich aus einer fest wurzelnden  Oben – Unten – Struktur – in eine Flächenstruktur. Eine Art religiöses Internet begann die Welt zu überziehen. Erst die protestantische Wende machte die Religion flächig, beweglich. Es gab keine Zentrale mehr.

Und er erkennt nun eine Natur die keine Geister mehr kennt und keine Götter. Es ist eine Natur mehr des Wissens als des Glaubens. Mehr des Zwecks als des Sinns. Mehr des Konstruierens als des Hinnehmens. Und mehr des Hineinschauens als des Davorstehens.  Mechaniken, Apparate, Geräte und Maschinen entstehen. Amerika wird bald auch protestantisch/puritanisch tiefer entdeckt besichtigt und besiedelt. Die Erde neu vermessen.

Der von der Physis getrennte Mensch der Neuzeit wird Wissenschaftler, wird Physiker und darin zum Betrachter der Natur und schließlich zu ihrem genauen Beobachter. Er erforscht.

Physis wird Physik.

Oder, wenn er die Metaphysik betrachten und untersuchen möchte, wird er zum wissenden Metaphysiker, zum Mathematiker. Es entstehen die Kraftgleichungen, die Differenzial – und Integralrechnungen von Leibnitz, Descartes, und Newton, die Wahrscheinlichkeitsrechnungen werden weiter entwickelt oder schon angewandt.
Das zweifelnde Ich Luthers und Descartes hat sein Betätigungsfeld entdeckt.
Das Rechnen und die Beobachtung.

Der Zweifel verwandelt sich in Analyse.

Auch dieses ist ein Tausch im Opfer. Wenn auch leiser, defizieler.
Eine Kommunikation innerhalb eines Systems.
Der Tausch heißt nun: Entbergung gegen Geheimnis.
Hypothese gegen Eperiment. Theorie gegen Praxis.
Gesetz gegen Zufall. Wissen gegen Glauben.

Und schließlich: Bild gegen Fluss. Konstruktion gegen Chaos.

Bis im 19. Jahrhundert sich ganz allmählich erneut ein Kreis zu schließen beginnt.

Denn wer die Physis betrachtet, und Physik betreibt, kommt irgendwann nicht darum herum, zu erkennen, dass er selbst zur Physik gehört. Die Entdeckungen Darwins machten die Runde, die Humboldts, die Maxwells, die Fahradays, die Jouls, die Boltzmanns verloren sich in der Physik, dringen immer tiefer in den Dschungel der Physis vor und finden und entbergen und verknüpfen.
Physis wird nun nicht mehr aufgewühlt oder verschwendet oder nur analysisert. Sie wird nun auch neu verknüpft und in Konstruktionen zurückverwandelt.

Das Feuer, die Wärme wird als Kraft erkannt. Als eine gerechte Kraft, denn sie bleibt erhalten. Der Erhaltungssatz ist ein Gerechtigkeitssatz. Der Magnetismus und die Elektrizität werden zusammengeführt und so zur Dynamik, zum Strom.
In der Extase der durch Anschauung und Erforschung hervortretenden Physis zeigt sich dem Aufmerksamen erneut ein Geist, eine Metaphysis. Der Geist zeigt sich als: Das Gesetz. Ein Naturgesetzt. Ein Axiom. Eine Ableitung. Eine Theorie.  Im Umkehrschritt werden sogleich die Begriffe, Gesetze und Zahlen wieder reinvestiert, verknüpft und zu einer neuen zweiten Natur umkonstruiert.

Neue Manufakturen. Die Hebel der angewandten Naturgesetze, die über Forschung und Konstruktionen in die Technik geflossen sind, haben auch den Menschen verändert, sein Weltbild hat einen neuen Kompass bekommen. Und die Welt neue Bauten. Aber diese Bauten sind jetzt nicht mehr so sehr aus Stein wie vor Luther. Sie sind aus Eisen und Stahl, aus Kohle und Koks.
Es sind Bauten nicht aus Gnade oder Glauben, sondern Bauten aus Wissen, aus Gesetzen, Wärme, Luft und aus Feuer. Es sind Wärmekraftmaschinen. Der Mensch ist selbst zum Schöpfer geworden. Er erschuf:

Eine Natur der Technik.

Und der Mensch?

Luthers Frage nach Gerechtigkeit war nie ganz zur Ruhe gekommen, Weil der Zweifel, die Zweiheit, die Ballance, die in dieser Frage steckt, nie ganz eindeutig entschieden werden kann.

So war sich der Mensch erneut selbst in dieser Frage entgegengetreten. Aus der Neuen Welt, die von Mutigen oder verzweifelten bereist erforscht und entdeckt wurde, drangen Nachrichten zurück nach Europa. Eine erste Rückkopplungsschleife, ermöglicht durch die forcierten Techniken der Seefahrt. Man hörte von wilden Völkern und einem Leben in Ballance. Fast paradiesisch. Rousseau hatte das aufgenommen und träumte vom „reinen Wilden“ als freien Menschen.
Das Bürgertum, unterdessen als technische Produzenten selbstbewusst geworden, wurde zunächst tatsächlich wild. Es erfand ein sauberes Gerät. Es opferte auf diesem Gerät, der technischen halbautomatischen Guillotine, Köpfe gegen Freiheit, tauschte Leben gegen Mechanik, befreite die und sich zu einer neuen Kraft.

Was ist der Mensch? Wenn die Physis im 19. Jahrhundert sagt, Wärme ist eine Kraft, die nicht zerstört, nicht erschaffen, sondern nur umgewandelt werden kann, wenn es einen Erhaltungssatz gibt, dann gibt es innerhalb der Physik eine Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit zwischen Plus und Minus stellt den Strom her. Die Gerechtigkeit zwischen Kälte und Wärme im Ausgleich erzeugt die Arbeit in der Maschine.
Aber was ist dann die Gerechtigkeit in der Gesellschaft? Was ist hier der Ausgleich?
Wenn der Mensch auch Physis ist – was ist dann die Wärme für den Menschen? Muss er frieren, während die Maschinen unter Dampf stehen? Muss er hungern, während die elektrischen Pole sich abwechselnd übersättigen und auskotzen im Blitz?
Wenn man eine Maschine regulieren kann, kann man dann nicht auch eine Gesellschaft regulieren? Denn was sind wir anderes als Physik?

Wie kriege ich eine gnädige Gesellschaft? Wie kriege ich einen gerechten Menschen?

Luthers verzweifelte Frage war wach geblieben und wieder zurückgekehrt.

Und weil Marx und Engels ihre Beobachtungen wie gute Naturwissenschaftler und Physiker ihrer Zeit an der Physis der arbeitenden Wärmekraftmaschinen und der dort Arbeitenden vornahmen, kamen sie auf eine Antwort, die der Luthers damals bei seiner Frage nach dem gerechten Gott ganz ähnlich war:

Wenn die gerechte Wärme (Erhaltungssatz) Arbeit leistet, indem sie sich in der Maschine in Arbeit eintauscht, dann kommt die Gesellschaft zur gerechten Wärme, indem sie die Arbeit gerecht verteilt.

Was soviel heißt wie: Arbeit muss so gerecht verteilt werden können wie Wärme.
Und der gerechte Mensch kommt zur Arbeit nur von der Arbeit allein.

Das bedeutet aber, dass die Arbeit allen gehört. Niemand hat mehr das Recht, die Arbeit sein eigen zu nennen und an die, die keine haben, zu verkaufen (gegen Physis der Arbeitskraft)

Ergo: Wer arbeitet, dem muss die Arbeit auch gehören. (Volkseigentum an Produktionsmitteln)

Es geht auch so rum: Die gerechte Gesellschaft kommt zur Arbeit (allein) aus der Arbeit.

(Römerbrief: Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt und zum Glauben führt.)

Und schon wieder war da ein Gedanke, mit einem furchtbaren Potential der Unentschiedenheit und des Zweifels. Das selbe Problem wie bei Luther.

Aber da man diese Unentschiedenheit selber per Reflektion produziert hatte, brauchte man nun wieder eine Praxis, eine Handlung, eine Physik des Opfers.

Denn Gerechtigkeit der Gesellschaft war vorerst eine abwesende Metaphysis, die im Tausch gegen Physis eingelöst werden muss.

Ein neuer Gnadenhandel war gefragt. Ein neuer Sinnhandel. Man brauchte eine neue hierarchisch strukturierte Kirche, die diesen Sinnhandel organisierte Und diese Kirche hieß jetzt Kommunismus.

Und ihre neue Physik des Opfers, der neue Gnadenhandel und Sinnhandel hieß: Klassenkampf. Hieß: Sich opfern für die Gerechtigkeit. Sich entscheiden gegen eine friedliche Gegenwart im Vertrauen auf eine Zukunft, die keine Hölle mehr war, dafür der Himmel auf Erden, in denen schließlich jeder nach seinen Bedürfnissen leben könnte.

Der Tausch hieß nun wieder wie vor Luthers Zeiten: Physik gegen Sinn (Metaphysik) Ein neues Opfern stand ins Haus. Wie bei den ganz frühen Christen. Die Gerechtigkeit der Wärme musste auf die Gesellschaft übertragen werden. Und dazu musste man sie neu entfesseln. Ekstatisch entfesseln.

Endlich. Endlich wusste man wieder wo der Feind stand. Endlich wusste man wieder, wofür man opfern sollte. Also wofür man selbst stand. Man wusste wieder wo Gott wohnte. Und diese neue Kirche mitsamt ihrem Sinnhandel gab sich eine Infrastruktur, bekam ihre verschiedenen Orden, ihre neuen Scholastiken und Streitigkeiten und doch eine neue Weltgeltung. Sie wurde stark. Seid es sie gab, standen die alten zumal noch von einem schwachen König oder einem reinen Bürgertum regierten Gesellschaften unter Spannung, unter Positionszwang. Sie standen zur Disposition.

Sie standen auch zur Disposition, weil die neue zweite Natur der Technik mit ihren Bauten aus Wärme, Eisen, Luft, und Feuer, die Landschaft weiter verändert hatte. Schienen begannen Europa zu durchziehen. Und die elektrodynamischen Funkstrecken sorgten für neue schnelle Rückkopplungsschleifen und eine Beschleunigung des Nachrichtenwesens, wie es sie vorher nicht gegeben hatte. Die zweite neue Natur heiß Industrie, hieß Elektrizität, hieß Mobilität, Eisen, Öl, Kohle, Stahl und Wärme. Viel Wärme. Dynamit und Wärme. Hitze. Die neue zweite Natur zeigte auch eine Tendenz, ebenso schlagartig und katastrophisch auszubrechen oder umzuschlagen, wie es die alte Natur seit Urzeiten konnte.
Der Mensch war in Ihre wieder etwas kleiner geworden. Obschon ihr Schöpfer, sah er darin plötzlich müde und schwach aus. Er konnte ein paar Hebel bewegen, Ventile öffnen oder schließen, einen Abzug betätigen.

Welche Ventile öffnen oder schließen?
Welche Abzüge betätigen? Welche Knöpfe drücken.
Welche Klappen waren es noch mal?

Die neue zweite Natur hatte die Landschaften schlagartig verändert. Die neuen Geschwindigkeiten und Techniken der Übermittlung die Räume verkürzt. Die Kirchen der Gerechtigkeit suchten noch nach ihrer Struktur und ihrer Statik, lieferten sich Scharmützel und Dispute, hatte aber auch Erfolge zu vermelden, wie bürgerliche Gesetze und ein Unternehmerethos, der an manchen Orten seinen Arbeitern ein würdiges Leben in betriebseigenen Siedlungen und Häusern ermöglichte. Unterdessen aber die neue zweite Natur immer weiter wuchs. Die Fragen der Gerechtigkeit waren plötzlich nicht mehr so einfach zu beantworten. Denn den Zwängen und Drücken, die früher von Menschen gegen Menschen ausgeübt wurden, von der Natur gegen den Menschen oder von Menschen gegen die Natur, gesellten sich nun dazu ganz neuartige. Die Drücke in den Kesseln und die Zwänge der Pleuls, Sachzwänge, Dingzwänge, Termin- und Zeitdrücke. Zudem entstanden neue Priesterschaften innerhalb dieser neuen zweiten Natur der Technik. Igenieurspriester waren gefragt, Expertenschamanen, die sich hier noch halbwegs auskannten und diese Natur der Technik zu beschwören verstanden.
Neue Hierarchien wuchsen. Ein Technikadel, nicht von Gottes Gnaden, oder Geburtsrecht aber von Sachverstand und Zweckmäßigkeit, etablierte sich. Auch diese Hierarchien sprachen dem immer unruhiger werdenden Gerechtigkeits – und Austauschgedanken Hohn. Sie trieben die vielen Benachteiligten weiter hinein in eine erhebliche Sinnsuche. Zwar hatte die neue Infrastruktur mitsamt der wissenschaftlich durchdrungenen Landschaft, auch vom rein menschlichen Standpunkt betrachtet, Erfolge erreicht. Die Hygiene hatte sich verbessert, die Medizin, die Kindersterblichkeit war gesungen, die Lebenserwartung gestiegen. Aber diese vielen Lebenden gehörten nicht alle dem Technikadel an und auch nicht den wenigen Glücklichen in den Arbeitersiedlungen der fairen Unternehmer mit Ethos.  Bei diesen weniger Glücklichen und trotzdem aber Lebenden etablierte sich eine Haltung die nach irgend etwas fahndete, wofür es sich zu opfern lohnte, denn Gerechtigkeit und Ausgleich war ein kompliziertes Feld in dieser neuen technischen Landschaft geworden, wo so viele menschliche und nichtmenschliche Verfahren, Drücke und Zwänge sich miteinander vermischten. Die neuen industriellen Zustände förderten immer mehr das Empfinden, dass Wärme sich ganz und gar nicht gleichmäßig verteilte, wie es die Physik versprach. Dafür floss sie sehr deutlich in eine Richtung, nämlich in die Maschinen, in die Technik, die davon immer schneller und heißer wurden, während sich die Gesellschaft immer mehr abzukühlen schien. Wohin sich wenden. Wo hinein sich schließen. Man musste zusammenrücken, um sich zu wärmen, musste wieder Gemeinschaften bilden. Und tat dies auch. In Gartenkollonien und Vereinen und Wandervogelverbindungen, Refombewegungen, antroposophischen Gesprächskreisen, spiritistischen Seancen, wo man erneut zu den ganz alten Wämewesen, Weltbewegern, Dämonen, Ahnenbeschwörungen zurückkehrte. Oder man wandte sich der Kunst zu in kleinen Plainairs, machte Picknick oder wohnte, wenn man es sich leisten konnte, in utopischen Dörfern wie in Worpswede, lauschte der alten Natur, entdeckte wieder den Menschen und sein Gesicht, die Frau und das Kind, die eigene ohne Technik vermittelte Schöpferkraft. Nur Farbtuben, Pinsel und Leinwand lies man gelten.
Überhaupt lagen nun eine Menge Ideen in der Luft. Da nun die Maschinen einen nicht unerheblichen Teil der Arbeit übernahmen und dabei dieses Europa im allgemeinen durchaus voranbrachte und die Lebensbedingungen sich letztlich doch sehr stark und schlagartig veränderten, wühlte das die Menschen auf. Wer nicht vollends in den Maschinenhallen eingetaktet war oder, weil er besserer Bildung besaß, konnte sich Gedanken über diese neue plötzliche Welt machen. Und über diese neue zweite Natur. War sie besser, war sie schlechter als die alte? Wen konnte man da jetzt anrufen. Welchen Geist? Wenn sie nach einem Programm lief, die man selbst immer weniger durchschaute, sollte man sich da nicht auch ein eigenes Programm, einen eigenen Algorithmus zulegen? Und so entstanden die neuen Programmatiken, Manifeste, Begriffe, Ismen, andere Ismen, mehr Ismen, neben denen, die man schon kannte. Philospophisch/künstlerische Hybride des halb schöpferichen halb mechanischen Lebensvollzugs. Sie nannten sich Realismus, Naturalismus, Dadaismus, Impressionissmus,Expressionismus, Kubismus, Futurismus, Imagismus, Suprematismus, Vitalismus, Diese Programme waren ein Versuch der Zuordnung und Anlehnung, auch von Gemeinschaftsbildung und entsprachen darin doch einem mehr oder weniger bewussten Bedürfnis sich selbst ebenso einem kontrollierbaren oder beinahe strengen Ablauf zu unterziehen, wie es die neue technische Welt zeigte. Auch wenn viele dieser Ismen, später erst benannt wurden, so gab es sie als Versuch der Spiegelung und Welteinvernahme. Wenn man sich selbst ein Programm gab, dann gab man sich auch in gewisser Weise eine Mechanik, eine Technik der eigenen Lebensmaschine, die man dann künstlerisch oder in der Lebenspraxis abarbeitete, ja beinahe auch ganz leicht mechanisch befolgen konnte, so wie es die Pleul der Lokomotiven taten. Man setzte sich innerhalb dieser Programme feste Freiheitsgrade, definierte Spiele und Passungen, in denen das eigenen Spiel und der Lebensvollzug nach Gesetzen funktionierte, die klar umrissen standen wie Axiome, so wie man es an der Technik und in den Wissenschaften beobachtete. Das leicht mechanistische all dieser Programme rief deshalb bei den Künstlern auch „Serien“ hervor, „Phasen“ „Richtungen“ Man experimentierte mit der Idee, dass man womöglich auch selbst Technik, Mechanik sein konnte, was vielleicht auch gar nicht so schlimm war. Denn so war auch Zuordnung möglich. Einreihung in ein Ensemble aus Funktionen, das wiederum Sinn stiftete, einen Sinn den man dann wieder im physischen Opfer gegen „Werk“ eintauschte. Lebenszeit wurde geopfert und physisch getauscht gegen „Lebenswerk“ , der kubistischen Malerei, dem naturalistischem Buch, dem expressionistischem Gedicht… etc….
Das waren alles auch die Gedanken. Gedanken und Praktiken Und dies taten die Maler und  Schriftsteller,  Dichter und Philosophen.
Bis in diese neu gewachsene technische Zeit und die neuen immer noch ein wenig unheimlich sich gebärdende technische Natur dann ganz plötzlich ein neues großes Sinnangebot einbrach, dass zunächst einmal alle kleinen und privaten und mühsam gesuchten Sinnangebote und Programme weit übertraf.
Gerade hatte man sich eigentlich in diese neue Welt irgendwie einfinden wollen, da geschah etwas Merkwürdiges. Dieses neue technische Europa, dass doch eigentlich so gut gedieh und dabei war, sich über die neuen Eisenbahnstrecken zu vernetzten und über die Telegrafie zu verlinken, eine neue Infrastruktur ausbildete, dieses Europa bekam ein Angebot, ein Sinnangebot wie aus einer anderen Zeit, oder jedenfalls kam es aus einer Richtung, die man vielleicht ein wenig vergessen, nicht mehr ganz so wahnsinnig wichtig genommen hatte. Dieses Angebot kam von den alten Aristokratien, und ihren schon schwach gewordenen Ständen. (Dass es die überhaupt noch gab.) Und aus alten Abmachungen, Bündnissen und Versprechungen, lächerlichen Animositäten und Verquickungen, die man in der Hektik der Gründerzeit einfach vergessen hatte zu hinterfragen, aufzulösen, zu klären oder ad Acta zu legen.. aber nein, so nebensächlich waren diese Dinge nicht, und es lag wohl auch nicht an den alten Aristokratien, denn die Techniken hatte ganz neue Möglichkeiten und Perspektiven des imperialen und globalen Ausgreifens eröffnet. Und das musste jetzt verhandelt werden.
Weil irgendein unwichtiger serbischer Idiot aus dem Balkan in Sarajevo den östereichisch ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau erschossen hatte, kam es von Seiten der KUK – Monarchie zu einem Ultimatum an Serbien, das nicht erfüllt wurde, und damit zur Kriegserklärung und damit zu einem Bündnisfall mit Russland, dem ganz automatisch, ja beinahe könnte man sagen: mechanisch wie in Serie weitere angeschlossene Bündnisfälle folgten und dieses gerade interessant werdende Europa in die Opfer-Ekstasen einer neu aufgewühlten Physis hineinriss, die nun keine Wärmekraftmaschine mehr war, sondern sich von ihrer unheimlichsten Seite zeigte – als aufgewühlte Physis einer heißen Kriegsmaschine. Und Europas Männer waren opferbereit, wollten Physis geben und Vaterland bekommen. Sie gingen da hinein wie in einen Sinn.
Und verteilten sich gleichmäßig wie die Wärme.

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Erste Liebe 69

24. Juli 2009 · Kommentar schreiben

Hochstand eines Jägers, meine Liebste,
erzähln wir uns davon, in jenem Sommer
zielte dein Onkel auf wilde Schweine,
wenn sie denn kamen, ja wenn -

- aber meistens kamen da keine -

Genau, Förster war er, mit Hund und Flinte,
stolz auf eine Kriegsverletzung,
„Mein Splitter wandert heute wieder“
So sagte er es, scherzhaft meistens,
im Hochsitz überm Flieder.

Du hast ihn begleitet…

Manchmal, ja, ich bin hinaufgestiegen,
die Leiter, hoch zu ihm, in diesen Baum.
Klaus hieß er, der Onkel, Papas Bruder,
saß in seiner Hütte, oft, ganz still
ne ganze Weile, rührte sich kaum.

Er lauerte. Er wollte schießen…?

Nein, ich glaub, er wollte nicht jagen.
Nur ganz alleine sein an diesem Ort.
Das Gewehr lag meistens einfach so
am Boden rum, er nickte nur kurz
wenn ich zu ihm kam.
Er schickte mich aber nicht fort.

Worüber habt ihr dann geredet?

Garnicht, wir haben geschwiegen.
Heruntergeschaut in den Wald, übers Feld
Ich saß dabei mit angezogenen Knien
seitlich von ihm, die Hütte war groß.
Groß genug für ne getrennte Welt.

Das war in den Sommerferien?

Öfter ja – und an den Wochenenden.
Wir sind zu ihm hinaus gefahren,
Motorrad – das mein Vater lenkte,
die Mutter hinten und ich vorne,
mit der Tasche – ziemlich überladen.

Neunundsechzig, im Sommer, da schien,
ich erinnere mich, der Mond einmal
direkt in den Ansitz, Butter, sehr voll,
schob er sich ins Aussichtsfenster
der Jägerhütte. Anblick war riesig – war toll.

Der Sommer, in dem ich Dich kennenlernte -

Ich war für ‘nen Job in das Kaff gekommen.
als Schlossergeselle für schwarzes Geld
ne Landmaschine war da zu schweißen.
Abends dann habe ich mich gefragt:
Wo kann ich hier paar Mädels aufreissen.

Gib nicht so an!

Der Vollmond, sagst du, schien in die Hütte?

Ja, Du und ich haben noch nix gewusst
voneinander, vom Sex noch nicht viel,
und nix von den Küssen.
ich weiß noch wie schüchtern Du warst,
ein Junge vor allem Wissen.

Gut, ich geb’s zu, aber das Försterhaus
stand ja auch abseits von allen Wegen
wie hätte ich denn wissen können
von Dir, deinen Ferien, der Hütte, dem Mond
Abends beim Wirt, allein dann, verlegen.

Du weißt, das erste Mal trafen wir uns
beim Wirt in der Kneipe, genau an dem Tag
der Apollo-Mission – den besten Fernseher
des Dorfes, hatte der aufgestellt, allen
zu zeigen, was Menschheit vermag.

Ja, im Sommer neunundsechzig sahen wir
zum ersten Mal den Mond ganz nah
schwarz – weiß, am Tag, wir beide
aber sahen uns zum ersten Mal in Farbe.
Weißt du noch wer wen als erster sah?

Grau war der Bildschirm mit Streifen, Kratern.
Im Rollstuhl, ein Mann, saß dicht davor.
Es roch nach Speck, nach fettem Kohl und Bier,
Still war’s im Gastraum, ein leises Piepen
hörte man nur, ein Rauschen wie Papier.

Du hast mich doch zuerst gesehen.
ich glaub ja eher, dass du es warst.
Die Frage aber war: Wer macht den ersten Schritt?
Die Kiste flimmerte, ich ging zum Tresen.
Du hast gesagt: „Bringst mir was mit?“

So war es, ich weiß es genau, als Armstrong,
Neil, sein Fuss, den Mond betrat,
in dem Moment – da hatte ich die Frau!

Na ja mein Lieber, gib mal nicht so an.
Es war eher so: Ich krallte mir den Mann.

War nicht der Fernseher dann noch ausgefallen?

Wie lange hat dein Onkel eigentlich noch gelebt?

Er starb dann bald, Jahr einundsiebzig.
weiter war der Splitter wohl gewandert,
irgendwann vielleicht zu dicht am Herzen.
Ich kann es deshalb hier auch reimen,
Sein Tod kam schnell, ganz ohne Schmerzen.

Wenn er nicht gewesen wäre, das Haus, die Ferien…

Neunundsechzig im Sommer, das erste Mal,
das weiß ich noch, als wir uns fassten
bei den Händen, saßen wir in seiner Küche
Regen gab es zwar, der Mond aber war klar
wie nie, im Radio, du weißt: Die Funksprüche!

Unsere Hände machten sich auf ihre lange Reise.
Losgestartet waren sie mit lauter Vorsätzen
und waren lang und länger unterwegs, schwerelos
und schwer zugleich, rückstoßgetrieben, heiß
erschütternd, fern und nah den Landeplätzen.

Wir waren abgehoben.

Wir flogen.

Wir näherten uns an.

Wir öffneten die Klappen.

Wir stiegen aus.

Wir nahmen Proben.

Und brachten sie zu mir und dir nach Haus.

Der Sommer neunundsechzig, Liebste,
unser Sommer voller Mond, zu Hause
waren wir und unterwegs auch gerne,
zu mir, zu dir, so viel, so groß – so schön
so nahe waren wir dieser Laterne.

Es kamen ja noch viele schöne Sommer.
Und andre Sommer werden kommen.

Im Hochsitz werden wir uns treffen,
abends in der Hütte, oben, auf dem Baum,
und haben uns auch schon getroffen, leise
In dem Fenster da den Mond zu schauen.

Wir haben ihn gesehen, wir beide,
aus der Nähe. Du und Ich, damals
in dieser Kneipe, und später öfter noch
in allen möglichen Versionen.

Doch niemals wieder werden wir ihn schaun,
so wie er war, vor den Apollo-Missionen.

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Wenn Galaxien zusammenstoßen.

24. Juli 2009 · 1 Kommentar

Nach kosmischem Maß offenbar ein alltäglicher Vorgang.
Zum Staunen sind die Größenverhältnisse: Unser Sonnensystem hat den Durchmesser einer DVD. Eine Galaxie wie hier zu sehen – auch unsere Milchstraße – ist dann so groß wie die Erde.

In dem Universum, das sich nachweisbar ausdent, scheint immerhin Begegnung möglich. Und sei es die Begegnung von Galaxien.

Vielleicht eine Form von Karate oder Aikido.
Zwei Gegner prallen hier nicht aufeinander, eher versucht der eine
das Kraftfeld des anderen für sich zu vereinnahmen.

0804-036b

Hubble Space Telescope: Kollidierende Galaxien

Die Frage stellt sich aber, was man als Alltagsbewältiger und Nichtastronom mit all diesem (zumeist) nutzlosen Wissen macht, das so gut aufbereitet überall herumlungert. Welche Einsichten mir diese Einblicke und Ansichten vermitteln sollen. Oder ob sie letztlich nur für eine postironische Witzelei taugen.

Mir fiel das Wort Wahrnehmungs-Gefüge ein.

Es finden sich dazu auch Simulationen

Berechnet von wassergekühlten Supercomputern und aufgefüttert mit
Beobachtungsdaten, Theorien, Modellen, Algorhythmen,
verdeutlicht man sich die Bewegungsabläufe.

So, wie nach Auskunft der Astrophysiker in ferner Zukunft auch unsere Milchstraße mit der Andromeda-Galaxie zusammenstoßen wird.
Dies alles unter dem Vorbehalt: Nach dem Stand heutiger Erkenntnis.

Als Nichtexperte kann ich kaum einschätzen, wie grob oder genau, wie vorsichtig oder wie annähernd sich eine solche Simulation bemüht, ein über Jahrmillionen ablaufendes hypergigantisches Ereignis in die niedliche Bildschirmübersicht einer kurzen Filmsequenz zu sperren.
Aber als Realist und Techniknutzer denke ich, dass gewisse Simulationen heute mit einer hinreichenden Wirklichkeitsnähe auch an – zum Beispiel – Flugzeugkonstruktionen beteiligt sind, die hinterher tatsächlich in ihren realen Eigenschaften ein simulationsnahes Verhalten zeigen.
Warum also einer solchen Simulation von vorn herein misstrauen.

Galaxien stoßen zusammen.

Ich sehe zwei spiralförmige Gebilde, die um sich selbst rotierend gleichzeitig aufeinander zu treiben.
Ich sehe auch, das der schwarze Raum um die Galaxien herum relativistisch eingerechnet wurde, oder zumindest, und das ist merkwürdig – „spüre“ ich es beim Anschauen. Der Raum selbst ist, nach den Verhältnissen der Relativität von Massen beeinflusst, gekrümmt, gezerrt etc….

So habe ich beim Anschauen der Simulation das Gefühl, als würden die beiden Spiralgalaxien in einem schwarzen viskosen Honig sich bewegen.
Aber der leere Raum ist keine Substanz, kein schwarzer Honig.
Ich sehe eben nur, dass die beiden Spiral-Galaxien, in ihrer Bewegung zu einander hin so ein „Wahrnehmungs-Gefüge“ von einem Verschmiertwerden in einem viskosen, zähfließenden Material vermitteln.

Was mich weiter an der Bewegung interessiert, ist die Wirbelstruktur.

Die Simulation zeigt mir, dass die beiden Spiralgalaxien nicht etwa beim ersten Aufeinandertreffen einfach so miteinander kollidieren und dann miteinander verschmelzen, sondern sie begegnen sich beim ersten Mal in einer Art Streifschuss, der sie beide schon stark verformt. Aber sie treiben noch einmal aneinander vorbei, wobei sie offenbar einen Teil ihrer Bewegungsenergie abgeben.

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Erst dann, nachdem sie noch einmal aneinander vorbei gedriftet sind, geraten sie in eine Rückholbewegung, die sie endlich ein zweites Mal aufeinander zu treiben lässt – in die endgültige Kollision und den Beginn einer Verschmelzung.

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Der Vorgang hat eine gewisse Grazie, obwohl er real über riesige Zeiträume gedehnt und im einzelnen katastrophisch chaotisch ablaufen dürfte.
Im einzelnen bleibt außer Betracht, was dabei mit den einzelnen Sternen und Bahnen, den kleinen Umrundungs-Uhrwerken in den beteiligten Galaxien-Armen geschieht.

Aber der Simulationsfilm liefert mir das Bild für eine elementare Überlegung, die sich mir, wenn ich sie sprachlich aufgreife, mit einem kleinen Erkenntniswert anbietet.
Ich sage mir:

Hier sind sich also zwei Weltorte begegnet – und schließlich miteinander verschmolzen.

Wenn sich zwei Weltorte in Vereinigung begegnen sollen, dann prallen sie nicht einfach so platt aufeinander und kleben dann zusammen.
Nein, sie flirten vorher, sie drehen sich in ihre Begegnung hinein, öffnen ihre spiralige Form, verformen sich, ihre Arme, und kommen so – sich ziehend – ineinander verwindend – trotzdem jede für sich weiter rotierend – auf einander zu…

„Halb zog er sie, halb sank sie hin“ – fällt mir dazu ein,
und finde es beinahe in dieser Riesensimulation bestätigt.

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Die Galaxien-Welten aber lassen sich Zeit. Sie lassen sich nach dem „Streifstoß“ noch einmal ganz aneinander vorbei treiben, als würden sie sich verfehlen, um erst in einer zweiten Rückholbewegung sich ineinander eindrehend, zusammen zu wirbeln

Ein Tanz, denke ich mir, und finde es noch plausibler, diesen Bildern wenigstens eine gewisse Realitätsnähe zu unterstellen.

Die Simulation zeigt, dass auch nach der zweiten Rückholbewegung,
es nicht bei einem einfachen Verschmelzen oder Zusammenkleben bleibt.

Vielmehr begegnen sich die beiden Galaxien in einem weiteren permanenten Ineinanderschwingen, ihren gemeinsamen Schwerpunkt suchend, findend, und noch einmal verlierend und wieder findend zu ihrer irgendwann neueren – größeren – Formation. Die sich aber ebenfalls immer weiter drehen wird. Nach Angaben der Astronomen verschmelzen dabei auch jeweils die inneren supermassiven Schwarzen Löcher zu noch größeren Monstern.

Was sagt mir das? Was soll ich damit?

Ich sage mir, dass immer dort, wo etwas aufeinander trifft, es eigentlich immer Welten sind, Galaxien – oder zumindest Wirbel – die hier aufeinandertreffen.

Mensch trifft Mensch – in der Kommunikation (Gespräch, Kampf, Liebe., Handel…)

aber auch:

Epoche trifft auf Epoche,

Kultur trifft auf Kultur.

Weltzeit-Raum trifft Weltzeit-Raum.

Text auf Leser u.s.w.

Die Galaxien-Begegnung regt mich zu dem Gedanken an, ob es möglich ist, über die Reflexion von Naturabläufen, wie sie sich in solchen Simulationen zeigen, ein besseres Verhältnis zu Bewegungsmomenten zu erlangen, seien sie nun privater oder gesellschaftlicher Art.

Entwicklungsmomente in der Zeit und dem Raum. Formationsmomente.
Auch psychische.
Auch politische.
Auch gesellschaftliche.
Auch historische.

Bewegungsmomente. Wahrnehmungs-Gefüge.

Die bildgebenden Verfahren der Wissenschaft zeigen mir Prozesse und Formationen, die alle nicht geradlinig ablaufen, Bewegungsmomente, die in ihrer Eingedrehtheit, in ihrem geradezu tänzerischen und schwingenden, ihrem sich ein – und auswirbelnden Charakter so mir präsentieren, dass es kaum wirklich direkte, umweglose Formbildungsprozesse gibt – dass Formfindungen und Formbildungen sich erst über umständliche Streifstöße, Kraftfeldschnitte, über Hin – und Rückholbewegungen etablieren, in sich einfließen. Die aber trotzdem nie in irgend einen festen Endzustand hinein stoppen, vielmehr sich diesem immer nur weiter rotierend annähern.

Ja.. ich komme dann irgendwann wieder zu einem Motiv, dass mir sagt: Auch das, was man als Seele, als Menscheninneres mehr suchend als findend bezeichnet, wahrscheinlich mit so einer Galaxie gut zu vergleichen ist.
Das Schöne an so einer Galaxie ist ja, dass sie eine offene Form ist. Ihr gelingt als Form jederzeit das, wonach Menschen immer fahnden: Form zu sein, quasi-geschlossen, aber doch auch mit offenen Gezeitenarmen in der Welt wirbelnd, anschlussfähig, veränderbar – um nicht zu sagen: elastisch – viskos. Ansprechend, In der Zeit kommunikativ.

Kurioserweise aber können diese Bilder nur erzeugt werden nach einer langen Historie wissenschenschaftlich exakter Ermittlungsarbeit.

Was passiert, passiert, nach bestimmten Gesetzen, von denen einige auf exakten Axiomen fußen.

Da wäre dieser erste „Streifstoß“ zum Beispiel.

Ein erstes „Aneinandervorbeireden“ der Galaxien, das offenbar ebenso normal wie notwendig ist.

Könnte man daraus eine Kultur des Aneinandervorbeiredens ableiten, die positiv grundiert ist?

Wissen, dass ein Aneinandervorbeireden notwendig ist, um sich irgendwann besser zu finden, zu verstehen?

Wissen, dass man vielleicht immer auch ganz notwendig aneinander vorbei redet.

Dass Ziel nicht genau anvisieren, damit man es erreicht?
(chinesische Strategie)

Hier schließlich laufen relativ komplexe Simulationen in uralte Volksweisheiten ein.

Ich gehe nicht auf einen Basar, um zielgenau irgend etwas Bestimmtes zu kaufen.
Ich gehe auf einen Basar, um erstmal bei einer Tasse Tee aneinander vorbei zu reden.
Oder um „an der Sache vorbei“ zu reden. Vielleicht kauft man. Vielleicht nicht.
Aber erst dieses Vielleicht, diese Streifschüsse der Wahrscheinlichkeit, fördern das Zusammentreffen.

Das Feilschen als ein Aneinandervorbeireden, ein
Schwingen, bis man sich irgendwann – vielleicht – geeinigt hat.

Oder ich denke mir: Wenn zwei zusammenkommen wollen, müssen sie sich beide dafür verändern, ihre Spiralarme ausbreiten, sich insgesamt neu formieren.

Der Blick, der mehr sieht, wenn er nicht genau hinschaut. Wenn er vorbeischaut.

Der eine zieht den anderen in sein Kraftfeld hinein. Aber das verändert beide.

In diesem und in weiteren Sinnen vielleicht wären die neueren Bilder und Ergebnisse der Wissenschaft auch philosophisch zu interpretieren.

In einem – Wahrnehmungs-Gefüge.

Im angedachten Fall so, dass sie nicht nur wissend machen, sondern – vielleicht – auch schlauer.

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MILD-Zeitung.

12. Juni 2009 · Kommentar schreiben

Der Himmel hat Ringe Mama.
So betritt das Kind,
an der Hand die Mutter,
für einen langen Moment,
sie bleibt am Rand, in mitten der Stadt,
einen See.
Neu sind die Gummistiefel,
grün wie Krokodile, Wolken
ringeln sich darum herum.
Mama, da schwimmt ein Blatt.
Nie würde sie fortgehen von hier.
Sie hält das Kind an der Hand,
das mit grünen Gummistiefeln,
eine Pfütze, den Himmel, betritt,
nach unten oben schaut und seine Mutter
an der Hand jetzt sieht
inmitten des Sees
die Mutter sieht, wie sie
das Fahrrad stützt an Land, in der Stadt,
nicht wartet, aber lange bleibt, nah
am Rande des Sees,
das Kind an der Hand,
mit dem Blatt, den Wolken, Krokodilen,
am Ufer des Himmels,
in grünen Gummistiefeln.
Der Himmel hat Ringe, Mama.

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Der Taxifetisch, Teil 6

12. Juni 2009 · Kommentar schreiben

zum 1. Teil
zum 2. Teil.

zum 3. Teil
zum 4. Teil

zum 5. Teil

Es handelt sich um einen ganz bestimmten Punkt, den ich vor der Einfahrt einer größeren Geschäftsbüroimmobilie auf einem stehengebliebenen Mauervorsprung in etwa 90 cm erhöhter Position wartend einnehme. Aus der Beobachtung weiß ich, dass Taxifahrer diesen Ort auf eine besondere Weise anfahren, und zwar so, dass sie von mir aus betrachtet von rechts kommend vor einem Poller anhalten, den ein talentfreier Architekt glaubte aufstellen zu müssen, damit sein hässlicher Kunstmarmor, mit dem er einen weiten Vorbereich des Eingangs belegt hat, nicht mit Reifenspuren entehrt wird. Da mein Mauervorsprung hier an einer sehr günstigen Stelle von einer dicken Kastanie abgedeckt wird, bin ich für einen Ausschau haltenen Taxifahrer solange nicht zu sehen, bis ich mit einem größeren Schritt von dort auf einen Designerpapierkorb übersteige, auf dem ich dann aber ganz plötzlich in voller Pracht gesockelt und ungefähr vier Meter vom Taxi entfernt wie aus dem Nichts im seitlichen Sichtfeld des Fahrers als eine Art „Denkmal des unbekannten Fahrgasts“ auftauche.
Ich muss in diesem Fall nicht lange warten, er kommt nicht zu spät, er kommt nicht zu früh, er kommt genau richtig. Ich bin bereits sehr erregt und es fällt mir wirklich schwer, den richtigen Zeitpunkt für den Überstieg abzuwarten.
Was haben wir denn da, sieh an, sieh an – nicht einmal Hausmannskost heute, sondern Skoda, wirklich ungewöhnlich.
Taxi. Auto. Gelb. (Ich muss diesen inneren Tic noch in den Griff bekommen, halb Dirty Talk, halb Tourettsyndrom, immer wenn’s wirklich heiß wird.) Ich steige über auf den Papierkorb. Da stehe ich nun, und sehe Taxi, Auto, Gelb – mein Schokobienchen. Der Fahrer hat noch nicht ganz realisiert, dass ich da bin, denn er schaut in Richtung Eingang, was ganz falsch ist! Also muss ich nachhelfen und rufe ziemlich laut: „Taxi, Auto, Gelb – hier bin ich!“
Jetzt duckt er sich ein wenig seitlich herunter, und schaut durch die Seitenscheibe, da mein Ruf ja aus einer Nähe kam, die er nicht vermutet hat. Und nun, genau so, wie es sein muss, sieht er etwas, und was er aus seiner Perspektive sieht, sind ein paar grünmetallic glimmernde Fliegenlackschuhe unter Stachelbeerwaden und weinroten Hochwasserhosen auf einem Designerpapierkorb. Ich rufe jetzt zur Sicherheit noch einmal laut: „Ja. Ja. Hallo, Hallo, Taxi, Auto, Gelb. Das ist für mich!“
Nun beugt er sich noch weiter herunter, so dass ich gut beobachten kann, wie mein Auftritt in seinem Gesicht einschlägt. Äußerlich geschieht eigentlich gar nicht so viel, außer dass seine Unterlippe etwas stramm in den Mund einkippt, während seine Augen eher sachlich bleiben und mich anschauen, als würden sie versuchen, aus der Entfernung ein ganz neues, kompliziertes Verkehrsschild zu interpretieren. Ich winke ihm freundlich zu, mit der linken Pfote, wie eine goldene japanische Bierkatze und rufe noch einmal: „Ja. Ja. Für mich. Hallo, Hallo, Auto. Taxi. Gelb!“
Als ich sehe, wie er auf die etwas ausgeprägte Beule in meiner Hose schaut, rufe ich: „Das hat nichts zu bedeuten. Ich bin Herr Behrend, sie kommen doch für Behrend. Auto, Taxi, Gelb. Ist für mich. “
Nun gibt er sich endlich einen Ruck und steigt aus, bleibt aber gleich an der Tür stehen, guckt mich wieder an und sagt jetzt, wie mir scheint, mit etwas aufgesetzter Munterkeit:
„Aber hallo – für Behrend, ja klar.“
Ich steige wie Moses vom Papierlorb zu ihm herab und laufe pitoresk und geräuschvoll auf ihn zu. (Wegen der handgeschmiedeten Scharniere in den Sohlen hört er zwei quietschende auf- und zuklappende- Truhendeckel näher kommen.) Und bleibe, etwas zu dicht vor ihm stehen, da er ja wegen seiner Position vor dem Auto nicht zurückweichen kann, schaue ihm mit meinem ausgeschlafenen Cajal-Blick in die Augen, reiche ihm meine fleischfarbene Hirschlederhand und sage: „Aber hallo – Auto, Taxi, Gelb, für Behrend, ja klar.“
Da er nicht ganz genau weiß, ob er jetzt lächeln oder einfach nur irgendwie gucken soll, enscheidet er sich für ein verbales Ausweichmanöver: „Schöne Schuhe…“
(Wenn er wüsste, welche Freude er mir damit macht!) Ich sage, immer noch dicht vor ihm stehend, mit großer Euphorie in der Stimme: „Ich kann sie doch anlassen, oder?“
Er darauf, mit einer hochinteressanten Mischung aus resigniertem Ausatmer und gedämpfter Munterkeit: „Aber immer doch… immer rein in die gute Stube.“
„Dann fahren wir beide jetzt los.“ – sage ich, lasse ihn frei und quietsche zur Hintertür. Er wiederum macht keinen Versuch, mich vorne auf dem Beifahrersitz zu platzieren, was ich als Zeichen dafür werte, dass er schon nicht mehr ganz konzentriert ist und es in seinem Wald zu pfeifen begonnen hat.

Wie immer verzögert sich der Einstieg noch etwas, weil ich das Geld verliere. Etwa 400 Euro in kleinen Scheinen und ein paar Münzen fallen mir irgendwie aus der Tasche, just in dem Moment, als der Fahrer noch einmal einen Blick auf seinen Fahrgast riskiert. Zum Glück weht kein Wind, so dass er mir nicht helfen muss, (was auch schon vorkam), und er also nicht in aller Öffentlichkeit gemeinsam mit einem peinlichen Menschen kleinen undeutlichen Papierfetzen gebückt über den Kunstmarmorvorplatz hinterherhaschen muss, von denen er ja nicht ganz zu unrecht annimmt, dass sie später womöglich auch in seinen Besitz übergehen könnten.
„Das geht schon. Steigen Sie doch schon mal ins Auto Taxi Gelb.“ – sage ich deshalb, um ihn zu beruhigen, und sammle den Haufen schnell wieder ein.
Dann schließt sich die letzte Tür. Und ich sitze in meinem TAXI. Nur für mich. Ganz allein. Der Fahrer, freundlich jetzt, fragt, wo ich hin möchte und ich nenne ihm mit gepresster Stimme eine Adresse am anderen Ende der Stadt. Er fährt los.
Keine Automatik. Es schließen meine Augen sich mit dem Pedaldruck. Es schaltet in den Nacken meinen Kopf. Und irgendwo da vorn, nicht weit von mir, rotieren feine Zungen im Getriebeöl. In die Leitungen schlägt der Steuerfunke. Durch die Öffnung drückt Nässe. Pumpt. Schießt ein. Brennt. Treibt die Kolben durch den Schacht. Die Öffnung schließt sich. Saugt. Spritzt ein. Platzt. Ich rieche: Diesel. Fossile. Öle. Leben brennt für mich die Schnecken aus vergangenen Meeren. Gesunken. Verdichtet. Gepresst und gefördert. Kopffüsser gehen ins Feuer. Platzen. Hochdruck. Dieselzeit schiebt ins Gewelle, dreht, kippt meinen Kopf. Fasst nach. Die Weichtiere knacken. Ich schwimme über dem Gestänge. Es hakelt. Die Jahre feuern im Block. Knacken. Pumpen. Spritzen ein. Platzen hoch und platzen runter, greifen, kuppeln, züngeln, krallen. Kraft beißt sich fest. Stößt mich ins Polster, Sticht in die Viskose. Schlägt. Kratzt im Stahl. Beißt in den Zahn. Dreht das Rad. Brennt, stößt, reibt, dringt, sticht, drängt! Krümmt sich durchs Rohr und schießt nach außen. Es blitzt.
„War ich zu laut?“ – frage ich den Fahrer. „Ich glaube, ich habe mich gerade ein bisschen nass gemacht. Heftig, heftig, mein lieber Herr Gesangsverein. War aber wirklich gut. Das ist ein sehr schönes Auto, Taxi, Gelb.“
„Nass gemacht“ war wohl jetzt ein Stichwort für ihn. Als er vor einer Ampel hält, dreht er sich zu mir um und fragt: „Alles okey dahinten?“ Ich sage: „Ja – schön alles, ist nur die Hose. Ein kleines bisschen“ Und um ihn noch etwas abzulenken, sage ich noch: „Ich mag auch keinen Ingwertee, aber gucken sie mal, es ist grün.“
Er fährt weiter, schaltet jetzt aber etwas anders, nicht mehr so schön wie vorhin, irgendwie nicht mehr so entspannt. Lässt etwas zu hoch drehen.
Ich sage noch einmal: „Alles ganz okey hier hinten. Richtig okey.“
Es ist auch wirklich okey. Es ist schön. Ein schönes Taxi.
„Unser Taxi.“ – sage ich. „Es ist schön, ein schönes Taxi. Unser Taxi-Schatzi. Hat mich doch gleich ein bißchen durchgenudelt, unser schönes Taxi.“
„Na ja, ist ja auch mein Taxi.“ – sagt er, einen kleinen Stolz simulierend, aber in so einem humorigen Tonfall, wie eben einer glaubt, dass er ihn anschlagen müsste, wenn er mit jemanden redet, der „nicht ganz richtig im Kopf“ ist. Aber ich höre zugleich, wie ihm schon bei den letzten Silben seines Satzes klar wird, dass es wahrscheinlich ein Fehler war und er seine Worte am liebsten mit einer Kohlenzange in seinen Mund zurückgestopft hätte. Denn jetzt sage ich: „Stimmt ja gar nicht. Sie sind nur der Fahrer, aber nicht der Besitzer. Ist ja gar nicht nicht ihr Taxi.“
Und das wiederum stimmt jetzt. Und weil diese Bemerkung so verdammt stimmig ist, sagt er erstmal gar nichts.
Aber so ganz hält er das dann auch wieder nicht durch. Und deshalb murmelt er halblaut nach ungefähr 15 Sekunden: „Na ja, das ist ja wohl auch oft so.“
Ich frage: „Was ist oft so?“
Aber er antwortet nicht. Muss er ja auch nicht. Obwohl ich die Stimmung jetzt als etwas gedrückt empfinde. Andererseits: Er denkt jetzt an mich. Zumal ihn auch gerade der Ingwertee zu beschäftigen beginnt. Keine große Sache eigentlich. Nur dass ihm jetzt einfällt, dass er vor ungefähr einer Woche tatsächlich von jemandem Ingwertee angeboten bekam, den er aber nach einer halben Tasse stehen ließ. Die Spur von diesem Tee war sehr gering, aber dass er sich jetzt gerade schlagartig daran erinnert, riecht, an seinem Nacken, um so stärker, sozusagen zum Himmel. Aber immerhin – er denkt jetzt an mich.
Seine Hand, wie sie jetzt am Innenspiegel nestelt.
Dann sage ich: „Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich Häuser, die ich eigentlich gar nicht sehen dürfte. Also quasi einen falschen Film.“
Er antwortet nicht. Er fühlt sich ja auch noch nicht direkt angesprochen. Um das zu ändern, füge ich noch hinzu: „Also ich sehe Häuser, die am Rand einer Straße sich befinden, die wir gar nicht nötig haben zu fahren mit unserem Auto, Taxi, Gelb. Fahren wir denn richtig?“
„Na ja, sicher, das ist hier die Tunnelstraße.“
Ich sage: „Ja, die Tunnelstraße, aber müssen wir denn da so sicher langfahren? Nichts ist doch ganz sicher oder? Sind wir irgendwann falsch abgebogen?“
Er sagt: „Also wenn wir da hinfahren, wo wir hinwollen, dann sind wir richtig.“
„Fahren Sie schon lange Taxi?“ – frage ich ihn.
„7 Jahre.“
„Das ist schon eine lange Zeit. Immer die Straßen auf und ab, nicht wahr?“
„Na ja, was soll man machen…gibt schlimmeres.“
„Ich fahre auch gerne mit dem Taxi.“
„Na dann ist ja alles bestens.“
„Ja, wir verstehen uns gut, nicht wahr?“
Er schweigt.
„Sie sagen ja gar nichts mehr.“
„Na muss ja auch ein bißchen fahren, nich…“
Die Königin knistert. Das Schiffchen wiegt sich. Die Wege glänzen.
„Was man eben so macht. – sage ich … sieben Jahre Taxi, und dann über die Tunnelstraße Richtung Süden fahren… schon interessant. Dabei wäre ja Adalbertstraße in den Kreisverkehr rein, durch die Wichert und dann hinterm Bahnhof den Dornweg nach links über das kurze Stück Birnbaumer Straße ja zweikommasieben Kilometer kürzer gewesen.
Aber ist schon in Ordnung. Ich muss mich eben mal ein bißchen tupfen.“
Ich nehme mein Schnuffeltuch ab und wische mir über die Stirn.
„Na ja, der kürzere Weg ist ja nicht immer der schnellere, – sagt er, und redet wieder mit mir, jetzt auf einmal doch wie mit einem Gesunden – Nach dem Kreisverkehr kommen Baustellen.“
Ich sage: „Warum bloß habe ich gewusst, dass sie das sagen werden? Andererseits: Haben wir es denn eilig? Ich habe es nicht eilig mit dem Auto, Taxi, Gelb. Und sind sie sich ganz sicher, dass nach dem Kreisverkehr Baustellen kommen?“
Er antwortet jetzt nichts mehr sondern fährt für sich hin. Er müsste sich jetzt auch sehr genau überlegen, was er sagt.
„Alles okey da vorne?“ – frage ich.
„Bei mir ist alles okey.“ – antwortet er .
„Na ja, man kann ja nie wissen…“ – sage ich.
Ich rede ein bißchen weiter und sage: „Na ja, ich betrüge ja auch, meine Frau zum Beispiel. Hier mit Ihnen.“
Ich weiß, dass es jetzt kitzlig wird. Ich bin bei ihm an einer Grenze. Ich schaue auf den Taxameter und sage: „Was haben wir bis jetzt? 18 Euro?.“ Ich lege ihm einen 50 Euro – Schein nach vorne auf den Beifahrersitz: „Stimmt so. Den Rest gibt’s nachher, wenn wir da sind.
Er fährt. Ich lehne mich in meine Polster zurück. Ich gucke ein bißchen nach oben an den Spannhimmel. Sein Blick im Rückspiegel, ich quietsche mit den Scharnieren und sage nichts.
Dann sage ich: „Sehen Sie, Ich sage schon nichts mehr. Bin ganz ruhig.“
Ich lehne mich nach vorn, zu ihm, stütze beide Ellenbogen auf die Sitze und sage mit sehr warmer leiser Stimme: „Wir beide, hm, wir sind schon ein paar Betrüger, was? Mann, Mann, Mann…
„Ich betrüge niemanden“, sagt er. Und fährt.
„Das ist richtig. Glaube ich Dir. Du bist sauber, oder? Du machst es richtig. Auch nicht manchmal so ein ganz kleines bißchen? Aber du hast Recht, man muss sich wehren gegen solche Unterstellungen. Das ist sehr tapfer. Man muss tapfer sein heutzutage. Aber was mich angeht, ich betrüge schon manchmal. Wenn ich so ganz ehrlich bin.
7 Jahre Taxi. Menschenskind. Und kein einziger kleiner Betrug. Hut ab.“
Wir fahren. Er fährt. Er schweigt. Ich schweige.
Ich lehne mich zurück und lausche dem Wispern der schwarzgelben Königin, die vorne aus dem Gerät funkt und mich schon wieder erregt. Ein Wagen in die Gerdstraße. Nichtraucher. E-Klasse. (Aha) Danke. Taxi, Auto, Gelb. Die Stoßdämpfer, wie sie ins Öl tauchen, in ihre Höhlungen gleiten. Wie das schwarze Gummi über die Steine zittert. Wie das Profil sich spreizt und auf der Straße reitet. Auf und Ab und Auf. Wie es sich wiegt. Wie der kleinen Schalter an den Kontakten leckt. An und Aus. Es summt bis in die Fingerspitzen. Es dringt aus den Schlitzen. Es steigt in die Spitzen. Strom dreht sich. Die Feder spannt. Die Beläge greifen. Reiben warm. Die Muffe dämpft und wölbt. Der Geber schwimmt. Er schwappt, es spritzt. Die Klappe schließt und öffnet, gleitet, schmiert. Der Asphalt zittert. Die Welle giert. Schmatzt. Säuft. Trinkt. Wühlt. Schluckt. Drängt. Saugt ein… der Funke zündet – Fräulein!!!! Das wars, diese Handcreme, wow! Yves Roches, die grüne Linie! Es kommt hier direkt von diesem Türgriff, mein Gott, thats right, Pharmareferentin, 37, perfekt, was für ein….
Hier muss der Bericht zu einem Standbild einfrieren. Denn aus dem Innersten eines Begehrens, aus dem Auge einer Freude, aber auch aus dem Zentrum einer Angst, kann nichts berichtet werden. Es dringt nichts nach außen. Es ist alles möglich, zugleich aber auch nicht. So bricht sich nun alle Welt wie zwischen zwei Spiegeln, springt hin zu meinen lustgeweiteten Augen und her von den angstgeweiteten Pupillen des Fahrers und vervielfacht sich unzählige Male.
Ich bin am Ziel.
Ich möchte den Leser nicht langweilen mit weiteren Schilderungen von mit Mikrowellensendern außer Kraft gesetzten Funkgeräten, inszenierten Pannen durch gestörte Zündverteiler und auch nicht mit Taxifahrern, die sich ganz allmählich im Laufe einer Ausfahrt zu Nervenbündeln verwandeln, wie man sie nur noch in der Ausstellung „Körperwelten“ zu sehen bekommt. Das kann sich jeder ganz gut selber vorstellen.
Stattdessen wähle ich einen schöneren Schluss für meinen Bericht.
Ich sitze da und schaue aus dem Fenster. Kleine Häuser. Große Häuser. Fenster. Ein Baum. Oben die Wolken. Schöne weiße Wolken. Lass uns abhauen! Ich lehne mich zu dem Fahrer vor und brülle ihm, aus voller Kraft, ins Ohr: ICH BIN HERZCHIRURG! HERZCHIRURG! FAHR ZU MANN!! FAHR ZU!!
Und jetzt tritt er, erschrocken, aufs Gaspedal, und es reisst uns in die Lehnen und die Kolben kriegen die Dusche und balllern durch ihre Löcher. Lass knacken Alter. Lass die Dieselzeit los. Die Muffe geht und kommt. Schließt und schnappt. Der Kautschuk zittert über dem Asphalt. Lass es richtig stinken. Lass uns die weißen Striche fressen. Tritt zu. Lass die Häuser verschmieren. Schneller, ich bin HERZCHIRURG.
Mach, dass die Feder geht, dass der Geber knallt, dass die Klappe schnappt. Mach mir einen grauen Schleier an die Scheibe. Ich will nur noch Streifen sehen. Schneller!
Und er tritt und stampft ins Blech. Warum langsam? Worauf warten?
Also heben wir jetzt ab. Ich sehe unter mir das graue Band, die Straße, mit kriechenden Punkten darauf, die immer langsamer werden. Ein paar Bäume, die zu grünen Bällen schrumpfen, Felder wie schmutzige Frottéhandtücher. Lahme Landschaft. Mach schneller. Lass uns dahin gehen, wo es blau wird und dieses verdammte Weltall ficken. Setz die Sonnenbrille auf, und mach die Heizung an, denn jetzt geht’s ab durch die Wolkendecke. Und unser Taxi wird kleiner und kleiner zu einem gelben Punkt, der nicht in der Sonne verschwindet, sondern so ein bisschen daneben, ganz professionell und sehr gediegen.
(Fin)

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Dehnungsfugen.

5. Juni 2009 · Kommentar schreiben

Nicht ganz zu Unrecht wurde die Epoche des „Kalten Krieges“ als solche bezeichnet.
Eiszeit zwischen den Supermächten.
Und unter dem Eis: Die U-Boote.
Diese U-Boote haben der Zivilisation wahrscheinlich das Leben gerettet.
In dem sie unter der meta-thermischen Vereisung des Kalten Kriegs in einem virtuellen Informationskrieg einen „kalten“ Konflikt austrugen, realisierten sie: Eine Kommunikation zwischen den Polen.
Auch Kriege sind Berührungen. Wechselwirkung. Wer Krieg führt, tauscht etwas. Kriege und Konflikte sind deshalb eine fatale Art zu kommunizieren. Das heiß-kalte Ausagieren des psychophysischen Gleichheitszeichens.
Ein Operativwerden des meta-thermischen Fließgleichgewichts im Tidenhub zwischen Verstecken und Entdecken, Warnung und Drohung, Ortung und Flucht.
Dies alles im meta-thermischen Ersatz für den heißen Tidenhub von Angriff und Verteigung.
Der informatorische U-Boote – Konflikt, im Verbund mit Satellitentechnik, hat eine kommunikative Dehnungsfuge geschaffen, und somit eine Zone der Elastizität ermöglicht, eine Dehnungsfuge, über welche die Plattenspannung der meta-thermischen Vereisung in einer stille Zone der Elastizität abgeleitet wurden, so dass der Zivilisation ein hartes Aufplatzen dieser Plattenspannungen im thermonuklearen Realkrieg erspart blieb.

(Konflikte ereignen sich deshalb nur zwischen strukturell Ähnlichen. Wer sich fremd fremd gegenübersteht, kann nicht gegeneinander Krieg führen, sprich: Heiß miteinander kommunizieren. Es gibt dann kein Tauschgut. Sie teilen keinen gemeinsamen energetischen Zeichenvorrat, den sie tauschen könnten. Absolut Fremde kennen sich nicht und führen deshalb auch keinen Krieg gegeneinander. Soll heißen: Karl Marx oder Jesus Christus; das bürgerliche Gleichheitszeichen zwischen Ware und Wert oder das ideologische Gleichheitszeichen zwischen Mensch und Mensch im illusorischen Kommunismus sind nur verschiedene Weisen, das eine psychophysische Fließgleichgewicht hinter der Bluthirnschranke auszuagieren, als eine Totalität, als Zeitlosigkeit (Reversibilität) gegen Zeit (Irreversibilität) blind zu behaupten. Aber diese blinden Behauptungsroutinen einer unglücklichen Gerechtigkeit müssen ad Acta gelegt werden.)

Vielleicht haben Kennedy und Chruschtschow damals während der Kubakrise instinktiv gespürt: Wir brauchen diesen heißen Krieg nicht. Wir haben doch einen anderen. Der uns auch viel mehr einbringt. Weil man ihn länger führen kann. Wir kämpfen doch schon miteinander. Seit Jahren unter dem Eis und im Orbit. Wäre doch schade jetzt um all die Technik. (Vielleicht hat aber auch irgendwo nur ein Zündschlüssel geklemmt und wir wissen es nicht.)

Dieser kalte Krieg unter dem Eis und im Orbit als eine der größten Errungenschaften der Menschheit.

Als glücklich-unglückliche Errungenschaft einer Geschichte, in der die beiden heißen thermischen Weltkriege 1 und 2, die das alles technologisch entwickelten, metathermisch aufwärmten (V2 – Raketenorbit – Funk – Radar – U-boot – Atomkraft, Computer) wahrscheinlich der Zivilisation insgesamt das Leben retteten und vor einem wirklichen thermonuklearen Krieg bewahrt haben.

Solange das Operativwerden der Fließgleichgewichte in informatorischen, also thermisch kalten, aber meta-thermisch heißen Konflikten ausagiert wird, hat die planetarische Zivilisation eine Chance, über regulierte Techniken weiter in den informatorischen Vektor hinein zu permutieren und damit in den offenen Raum – was letztlich bedeutet: Als Zivilisation zu überleben und die nächste energetische-informelle Schwelle erreichen:

Die zivile Beherrschung der Kernfusion, als meta-physisch/physisch regulierte Sonne.

Das wäre dann der Zustand, in der Energie und Information ohne jeglichen vermittelnden „Tauschwert“ – also ohne vermittelnde „Opferphysiken“ von „Geld“ oder „Material“ oder „Menschen“ hin-und zurückgetauscht werden können.

Im Zeitalter der beherrschten Kernfusion hat Energie keinen „Wert“ mehr. Sie kostet nichts mehr. Sie ist reines Know How, dass vermittelt über die technologische Entwicklungsgeschichte bis zu dieser Schwelle evolutioniert ist. Ihr „Wert“ ist dann vollständig in der Zeit aufgehoben, die bis an diese Schwelle geführt hat.

Das aber setzt voraus, dass die planetarische Zivilisation sich von solchen Fließgleichgewichtsroutinen verabschiedet, die hinter die Schwelle Luther zurück flüchten wollen. Das wären also alle katholizistisch oder kryptokatholizistischen Konzepte, die das psychophysische Gleichheitszeichen lediglich projezieren auf einen Gott, der „da draußen“ ausserhalb des Prozesses in Zeitlosigkeit die Zeitlosigkeit repräsentiert und illusorisch absichert.
Mit dem man nur über Opferphysiken kommunizieren kann, in denen man das Fließgleichgewicht gegen die Irreversibilität (im Opfer) behauptet.
Oder projeziert auf ein Gerechtigkeits – oder Freiheitskonzept (Marxismus, Neomarxismus) das nicht zugleich einsehen will, dass Gerechtigkeit und Freiheit unhintergehbar komplementär voneinander getrennt sind.
Und schließlich müsste sie sich trennen von der letzten falschen Fließgleichgewichtsroutine, die sich in die Illusion eines Kontinuum Humanums hinein projeziert, das einen „Menschen“ in Zeitlosigkeit retten zu können glaubt, in dem sie seine Autoevolution, seine manipulative Selbstveränderung weiter leugnet oder sogar tabuisieren möchte.

Wenn die planetarische Zivilisation sich nicht von all diesen vorlutherischen Konzepten langsam und weich und kontrolliert verabschiedet, droht ihr jederzeit die harte Umwandlung von Information in Energie, drohen neue 30igjährige Kriege, seien sie nun geführt von Attentätern auf Marktplätzen, die hier Metaphysik in Physik eintauschen, oder in thermonuklear aufschmelzenden Gebirgen zwischen Indien und Pakistan.

Es gibt zur technischen, nachlutherischen Zivilisation, mit bewussten, auch ethischen Standarts keine Alternative, ausser den langsamen oder schnellen Untergang.
Dieser Standart müsste ein Standart der asymmetrischen Gerechtigkeit sein.
(Im Gegensatz zur bisher obwirkenden symmetrischen Ungerechtigkeit.)
Eine asymmetrische Gerechtigkeit würde der Einsicht folgen, dass wir in einer natürlich- technischen sowie technisch-natürlichen Dynamik treiben wie in einem Fluss, der nur eine Richtung kennt, zeit-asymmetrisch irreversibel, den wir aber nicht verlassen können, weil wir selbst dieser Fluss sind (Oder wir reissen die Blut-Hirnschranke nieder, was wohl kaum erstrebenswert scheint.)
Aber der Fluss lässt zwei Alternativen: Toter Mann spielen und bei der nächsten Stromschnelle gegen einen Felsen knallen; oder nach vorn schauend schwimmen lernen, mit dem Strom im Strom navigieren und so allmählich Freiheitsgrade in diesem Fluss, mit diesem Fluss, für diesen Fluss – gewinnen.

In dem uns allmählich auch Flossen wachsen.

Ich lege einen Kranz nieder am Denkmal aller Opfer thermischer Kriege.
Und wünsche allen U-Boot-Besatzungen weiterhin einen glücklichen Informationskrieg.

Jeder Manager, der heute per Funk, per Draht, per Computer, per Düsenjet, per Sattelit, per Handy sein allzuschnelles, allzugroßes, allzuleichtes Geld macht, könnte an diesem virtuellen Denkmal und für diese U-Boot-Besatzungen spenden.

Leise. Ohne viel Aufhebens.
Aus Demut vor dieser glücklich-unglücklich technischen Geschichte.

Oder wenigstens überlegen, ob 1 Porsche 1 Haus und 1 Privatschule für seine Kinder nicht vielleicht ausreichen.

Und so, ganz leise, ohne viel Aufhebens, ein paar Piepen von seinem Lichtensteinkonto holen und seine Steuern anständig bezahlen – und damit sich erkenntlich zeigen vor den Toten und Beinahetoten dieser kalten und heißen Kriege.
Demut vor seinem eigenen Leben und Überleben und dem seiner Großeltern, das er sich nicht nur allein verdient hat. In dem er dieser technologisch energetischen Tausch-Geschichte etwas zurückgibt und einzahlt in einen Fond für Bildung zum Beispiel. Bildung der Anderen. Bildung der Vielen.
Denn nur Bildung, also Information, kann uns in Zukunft vor den falschen Opferphysiken bewahren. Und damit zivile Standarts sichern helfen.

Dies alles könnte er tun, ganz ohne Marxismus, ganz ohne Kommunismus.

Der Grund hierfür wäre: Logisches Denken in Effizienzen. Statistik. Und ein Rest Egoismus.

Dass die Zivilisation eine technische Zukunft hat, in der auch die eigenen Kinder noch technische Geschäfte machen können, ist doch das plausibelste Motiv, was es gibt.

Es wäre nichts weniger als gutes Management.

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Aufräumtag.

4. Mai 2009 · 2 Kommentare

Unprätentiös

Seit Monaten schon liegt ein Wort auf diesem Tisch: Unprätentiös.
Und seither überlege ich daran herum, was es wohl an sich hat.
Ich komme nicht drauf. Sicher bin ich mir nur: Das Wort riecht nicht gut.
Von Anfang an. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm.
Wenn ich nur wüsste, was.

Vielleicht ist es auch gar nicht das Wort. Vielleicht sind es die Kontexte,
in denen es erscheint, die es erzeugt, die es erzwingt…

Kontexte, die es dämpft?

Etwas klingt madig daran. Aber diese seine Madigkeit durchseucht
sofort den gesamten Verhältnisraum.

Aber madig trifft es eben nicht genau. Unprätentiös. Wenn man dieses Wort
in die Hand nimmt, fühlt es sich an wie ein Stück Styropor aus der
Deckenverdämmung einer eingesunkenen Garage bei Oranienburg.

Dabei ist das Wort ja harmlos. So harmlos etwa wie eine halbvolle Dose Haarspray in hellgrün.
Man findet sie hinten beim Aufräumen eines Badeschränkchens. Nichts Besonderes.
Außen leicht klebrig, aber nicht gefährlich. Nichts, das Aufsehen erregt. Und trotzdem – etwas stimmt mit dem Wort nicht.

Sicher – es beschreibt  eine Haltung, eine Mentalität, ein Ton. Aber wessen?

Unprätentiös. Ein Wort, als würde man  in einer Wohnung beim Renovieren hinter einem Schrank, den man nie abgerückt hat, auf eine Tapetentür stoßen. Erst fühlt man kleine Huckel, Unebenheiten. Man kratzt an der alten Tapete herum, bis man winzige Scharniere entdeckt. Man weiß dann, dass die Wohnung seit Jahren diesen leicht geduckten zweiten Ausgang bereit hielt. Oder war es ein zweiter Eingang?

Soll man jetzt, nach so vielen Jahren, in der vertrauten Wohnung diese geduckte
Tapetentür mit dem Wort öffnen, mit dem Zauberwort?
Die Schultern rund machen und hindurchschlüpfen.

Man tut es. Ganz kurz. Die Neugier. Und entdeckt: Eine kleine Abstellkammer, leer, fensterlos.
Sie riecht nach altem Putz, sonst nichts. Hat man doch glatt übersehen all die Jahre. Also gibt es nicht etwa zwei-einhalb  Zimmer, wie man immer dachte, sondern zwei-sechsachtel Zimmer. Interessant.

Unprätentiös. Ein kleines Kabuff. Das Rätsel ist gelöst, könnte man denken. Und doch bleibt das Wort unaufgeklärt. Sein Hohlkörper, sein Abgrund, sein Resonanzraum ist mobil, begleitet es. Und trotzdem scheint es auch nicht wirklich hohl. Wenn man sich ihm nähert, verschwindet das, was man aus der Ferne für einen Resonanzraum hielt. Dann pocht man mit dem Finger daran, und es macht  „tock“, wie bei einem ausgetrockneten Schwamm. Etwas an dem Wort bleibt falsch. Nichtig. Egal in welchem Kontext.

Oder schal oder….

Vielleicht ein Gift. Wenn es als Lob daherkommt.
Ein Nervengift. Ein Nervenlob. Wie Botolinum.
Ein Wort, das zum Denkstillstand führt.

Oder Mehltau. Der Mehltau des Unprätentiösen.

Wenn ich’s nur besser einkreisen könnte.

Oder sogar hochgefährlich. Ein Fingerhut voll Unprätentiösem ins Trinkwasser einer Großstadt…

Man darf nicht dran denken.

Vielleicht verliert auch, wer das Wort benutzt oder auch nur denkt, sein ganzes Karma.

Dann wird man in seinem nächsten Leben wiedergeboren als Lebensmittelmotte.

Unprätentiös steigt man dann aus einer Haferflockentüte auf.

Mir gefällt das Wort nicht. Mir gefällt nicht, was es mit Menschen macht,
die es hören, lesen oder aussprechen.

Kann es Worte geben, die eine ganze Sprache, ein ganzes Denken befallen
und schwächen wie ein Virus?

Unprätentiös – und plötzlich hat ein ganzer Kontext HIV.

Aber letztlich ist es doch wieder nichts von all dem. Nur ein Wort.

Die Frage lautet also nicht, was bedeutet ein Wort, sondern:
Was hat es zu bedeuten, dass ein Wort im Gebrauch ist?
Für den Zeitpunkt. Für den Raum. Für den Sprecher. Für den Hörer.

Das trifft den Punkt. Das Wort für sich ist ganz belanglos.

Erleichtert trete ich ins Pedal meines Mülleimers.

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Der Taxifetisch, Teil 5

1. Mai 2009 · Kommentar schreiben

zum 1. Teil
zum 2. Teil.
zum 3. Teil
zum 4. Teil

Der Taxifetisch entwickelt seinen Reiz, weil man es bei dem Fahrer meistens mit einem professionellen Partner zu tun hat. Im Gegensatz zu den Fetischisten, trifft man unter den Fahrern vielleicht auf variierende Grade von Könnerschaft, aber kaum auf wirkliche Stümper. Der Grund hierfür ist ganz simpel: Taxifahren ist ihr Beruf. Ein Taxifetischist dagegen, auch wenn er eine noch so hohe Meisterschaft erreicht, bleibt immer ein Amateur seines Genres, so im Sinne des Wortes: Ein Liebhaber. Wobei diese Liebhaberei nicht direkt auf den Fahrer abzielt, da dieser ja immer ein Anderer ist, sondern auf den Gesamtvorgang, und da eben ins Erotische und letztlich auch deutlich in die sexuelle Erregung hinüberspielt.
Jeder Psychologiestudent, der in der Vorprüfung sitzt, wird hier ankreuzen, dass ein Taxifetischist im Grunde nur eine frühkindliche Erfahrung wiederholt, in der er in einer Art uteral-sphärischen Höhlung sanft schaukelnd sich umherbewegen lassen möchte, von der Mutti, die vorne mit lichtem Haupthaar hinter dem Lenkrad sitzt und über die Baustellen schimpft. Für einen Psychologen zählen Taxifetischisten ganz klar zu den reifeverweigernden Permanentsäuglingen, die sich vor den ernsthaften Angelegenheiten dieser Welt in die temporäre Scheingeborgenheit einer biodieselgespeisten Kunstledergebärmutter zurückflüchten, in der sie dann daumenlutschend, schaumstoffgebettet, airbaggechützt, polyurethanumhüllt und automaticgetrieben ihren retropränatal stagnierenden Vitalkomplex pflegen. Das wäre die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass ein Taxifetischist auf Grund gewisser Empfindlichkeiten und besonderer Präferenzen sich diesen Luxus viel seltener gönnt als ein Normalfahrgast und er demzufolge im Durchschnitt als lebenstüchtiger, fitter (Stichwort: Bleiakkus) ausgebuffter – und leider dann im Ernstfall auch weit vehementer und ausführlicher auf sein Erlebnis pochend erlebt wird – als der Normalerotiker. (Dies nur als kleiner Hinweis für die soziographisch interessierte Analysten, Historiker, forensische Psychiater u.s.w.)
Für einen nichtprofessionellen Taxifahrer könnte das bedeuten – um auf den Eingangsgedanken zurückzukommen – dass er in einem Taxifetischisten, sollte er mal auf einen solchen treffen, seiner ganz persönlichen, fleischgewordenen schlechten Nachricht auf zwei Beinen begegnet, einer Passionsfrucht von Phötus, der sich hinten in seinem Fond uteral einnistet und seine pränatalen Ansprüche am Gesamtkörper Taxi einfordernd sich peu a peu im Laufe der Fahrt zu einer echten „Angelegenheit“ auswächst. Jede Frau und Mutter kann nachvollziehen, dass dies eine Umstellung für den Taxi-Gesamtorganismus mit sich bringt, die nicht immer nur mit schönen Erlebnissen verbunden ist. Mehr soll dazu nicht gesagt sein.
Da aber ein Taxifahrer, sofern er professionell agiert, und dass tut er meistens, hoffentlich, im „Austragen“ seiner Phöten geübt ist, wird ihm auch ein Fetischist im schlimmsten Fall nur als besonders fühlbare Geburt in Erinnerung bleiben. Nicht mehr aber auch nicht weniger.
Insofern kommt es bei einer Ausfahrt darauf an, einen professionellen Taxifahrer, der ja einige Herbheiten schon erlebt hat und gewohnt sein dürfte, nicht zu unterfordern, aber auch nicht über die Maßen zu strapazieren. Der ganze Reiz für den Taxifetischisten besteht tatsächlich darin, den Gesamtorganismus Taxi, der sich für ihn immer anders darstellt – und dazu gehört auch der Fahrer – in eine Art angeregten Verschmelzungszustand, der einer Schwangerschaft nicht unähnlich ist, zu überführen, welcher dann in einer pansensorischen Ballanceübung zwischen Strapaze und Freude den Fahrer, das Taxi und ihn selbst in eine gemeinsame Erlebnissphäre verwandelt.

(Fortsetzung folgt.)

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Raumfahrt als Fortsetzung der Himmelfahrt mit anderen Mitteln.

29. April 2009 · Kommentar schreiben

(Einakter)

In einem Luft- und Raumfahrtzentrum. Zweinullnullneun Realzeit Europa. Vorne zwei über-mannshohe Überwachungsbildschirme, RECHTS und LINKS nebeneinander. RECHTS die schematische Darstellung der Erde abgerollt als Komplettübersicht. Ihre Kontinente: Europa. Afrika. Asien. Nord – und Südamerika. Australien. Die beiden Polkappen, die Meere. Darüber horizontal die S- Kurve als telemetrisch registrierte Flugbahn des Orbiters, die hier überwacht wird. LINKS die wichtigsten Zahlen und Daten zur Telemetrie. Vor den Screens sitzen Ingenieure von Groundcontroll an kleineren Computertischen. Funkverkehr. Head-Sets. Leises Piepen.

Ein Funkspruch des Orbiters geht ein:

Ground, ich habe hier ein informell-energetisches Verteilungsproblem im Steuervektor Neunzehnvierzig bis Neunzehnfünfundvierzig. Ein Konflikt in den Aggregaten. Bestätigt ihr das? Over.

Ground:

Positiv, Orbiter. Wir bestätigen das. Gehen Sie in den Raum – Zeit – Prüf – Modus.
Telemetrische Systemdaten werden ausgewertet.

Orbiter:

Telemetrie sendet Daten.

Auf den über-mannshohen Screens erscheint jetzt – LINKS: Ein Datenpaket.
Und – RECHTS: Ein Datenpaket.

Ground:

Orbiter, wir haben zwei energetisch-informelle Cluster auf beiden Schirmen: Identifiziert als Energieübertrag linksseitig – Informationsübertrag rechtseitig. Schlecht balanciert.
Umverteilung möglich, aber kritisch. Datenauswertung läuft:

Die Daten entpacken sich, laufen über die Screens und werden von Groundcontroll mitgelesen.

Screen LINKS:
Geboren Neunzehnzwölf in Wirsitz.
Neunzehnfünfundzwanzig Schulaufsatz zum Thema Raumfahrt.
Neunzehneinunddreißig, Assistent bei Klaus Riedel,
dem Konstrukteur der ersten Flüssig-
Treibstoff-Kegeldüse.
Ab Neunzehnzweiunddreißig beim Heereswaffenamt.
Ab Neunzehnsiebenunddreißig Technischer Leiter
in Peenemünde. Aggregat 4,
bekannt als V2. Erste Rakete, die
kurzzeitig ins All vorstößt.
Ab Mai Neunzehnvierzig Mitglied der SS.

Screen RECHTS:
Geboren Neunzehneinundzwanzig in Forchtenberg.
Mitglied im Bund deutscher Mädel.
Dort Mutproben und Härtetests.
Neunzehnvierzig Ausbildung zur Kindergärtnerin.
Neunzehnzweiundvierzig Aufnahme des Studiums der Biologie und
Philosophie. Durch Ihren Bruder Anschluss
an eine Widerstandsgruppe.
Herstellung und Verbreitung von Flugblättern.

Ground – intern:

Was machen wir jetzt? Haben wir dafür eine Konfliktroutine?

Schau bitte mal in den Unterlagen nach. Es muss irgendwo stehen im Zusammenhang mit der Steuerbalance. Informell – energetischer Konflikt. Aber vergiss bitte nicht, dass das hier keine Übung ist. Wir haben einen Realkonflikt im Aggregat.

Orbiter, System geht auf Alarmstatus GELB. Das ist keine Übung. Ich wiederhole: Alarmstatus GELB. Das ist keine Übung.

Orbiter:

Habe verstanden. Alarmstatus GELB.

Ground:

Orbiter, wir gehen vom Kanal zur Beratung. Melden uns in Kürze. Over.

Orbiter:

Verstanden und Over.

Ground – intern:

Können wir das Problem ignorieren oder einkapseln?

Unmöglich. Das hält höchstens bis zum nächsten Sonnensturm.

Lässt sich der Konflikt meta-physisch neutralisieren?

Ich weiß nicht, wie sich das auf unsere Schubkomponenten auswirkt.

Wenn wir es metaphysisch versuchen, zum Beispiel mit semantisch instabilen Komponenten wie Schuld – Unschuld, Verbrechen – Strafe, Gut – Böse, dann kann es passieren, dass unsere Raum-Zeit zusammenfällt.

Der Orbiter wäre dann nie gestartet. Er würde sich in seine metaphysischen Komponenten umwandeln. Alles würde sich zerlegen. Wir würden nicht existieren. Technologisch und chronologisch unterbestimmt. Der ganze Raum hier, der Orbiter, alles…

Die Halbwertzeiten von metaphysischen Komponenten können nicht genau bestimmt werden.

Verdammt…. Was haben wir denn für Alternativen?

Wir müssen eine Sequenz zur Umverteilung einleiten. Die Cluster einlösen.

Eine Zündung? Umverteilung? Bist du wahnsinnig? Die informell-energetische Umverteilung forcieren?

Wir haben keine Wahl.

Wir werden für eine lange Zeit sehr stabile Subjekte definieren müssen. Bei statischer Asymmetrie Täter – Opfer. Ich schätze so für eine Raumzeit von 50 bis 100 Jahren.

Aber das gibt einen ungeheuren Abfluss und einen unberechenbaren Schub.

Es könnte auch zu einer konstruktiven Symmetrie führen. Zur Blockbildung, einer Art kalten Gegenüberstellung.

Geo-orbitale symmetrische Verblockung mit streng kanalisiertem Austausch.

Uns läuft die Zeit weg. Wenn wir es jetzt nicht machen, riskieren wir mehr, als wir
verantworten können.

Orbiter, wir sind wieder auf Sendung, Over.

Orbiter:

Ich höre, Ground.

Ground:

Wir haben uns beraten und stimmen für eine informell – energetische Sequenz zur Umverteilung. Over.

Orbiter:

Bitte um Wiederholung, Ground. Over.

Ground:

Wir bestätigen: Wir gehen auf informell – energetischen Tausch. Umverteilung. Initiieren Sie die Subjektfunktionen Täter-Opfer. Zeitfenster 50 Jahre. Nein, besser 100 Jahre!

Orbiter:

Habe verstanden. Gehe auf Sequenz zur Umverteilung. Subjekt-Langzeit-Definition Täter-Opfer startet.

Vier. Drei. Zwo. Eins…. läuft….

Die akustische Telemetrie überträgt ein kurzes stakkatohaftes Zischen. Während desssen verschwinden die Daten auf dem Screen LINKS und werden von einem Portraitfoto ersetzt. Auf dem Screen RECHTS geschieht das selbe.
Eine Mitarbeiterin von Groundcontroll verschwindet im Nebenraum einer kleinen Teeküche. Und kommt nach etwa 20 Sekunden wieder. Sie hat zwei Kerzen in der Hand. Sie stellt die Kerzen auf einen Tisch, bleibt kurz stehen und pustet sie dann aus.

Die Ingenieure von Groundcontroll atmen erleichtert auf.

Auswertung zum Protokoll. Was haben wir?

Zwei sehr gut ausdefinierte Subjektfunktionen

Da haben wir noch einmal Glück gehabt. Ein stabiles Täter – Opfer – Aggregat.

Informell – energetischer Status hoch, aber noch in der Toleranz.

Und wie ich das sehe, zeichnet sich auch eine geo-orbitale Ost- West -Verblockung ab.

Konstruktive Symmetrie aber in sauberem Links – Rechts – Schema.

Energetisch nuklear. Kritisch stabil. Aber informell hoch aktiv.

Gut, das hatten wir einkalkuliert. Das wird sich aber bald wieder ineinander getauscht und neutralisiert haben.

Kommen wir zu den Subjekten. Was haben wir da?

Screen RECHTS:
Subjektprofil: Herzlicher Typ. Dynamisch freundlicher Charakter. Optimistischer und zupackender Motivator. Visionär und Pragmatiker. Familienvater, zwei Kinder.

Funktion: „Wernher von Braun“. Sturmbannführer SS. Technischer Direktor von Peenemünde. Mitverantwortlich für den Tod von zirka Zwölftausend Zwangsarbeitern in Dora Mittelbau und etwa Achttausend Zivilisten durch Einwirkung der V2. Neunzehnvierundvierzig kurze Verhaftung durch die Gestapo. Vorwurf „Wehrkraftzersetzung.“ Freilassung. Neunzehnfünfundvierzig Gefangennahme durch die Amerikaner. Überführung nach Amerika. Dort wehrtechnische Forschung und Konstruktion von Mittelstreckenraketen. Ab Neunzehnsechzig technischer Direktor des Nasa Space-Flight-Centers in Huntsville – Alabama. Maßgeblicher Leiter im Bereich Schubkomponenten der Saturn Fünf, Apollo-Mission. Mondlandung als Erfüllung eines persönlichen Lebenstraums. Danach diverse Tätigkeiten als Berater.

Screen LINKS:
Subjektprofil: Hohe Empfindsamkeit für die Schönheiten der Natur.
Tiefer christlicher Glaube.

Funktion: „Sophie Scholl“. Festnahme am Achtzehnten Februar Neunzehndreiundvierzig bei einer Flugblattaktion in der Münchner Universität. Verhör durch die Gestapo vom Achtzehnten bis Zwanzigsten Februar. Todesurteil.
Hinrichtung durch die Guillotine am Zweiundzwanzigsten Februar Neunzehndreiundvierzig. Nach dem Krieg Benennung Scholl-Straßen oder Plätze in Leipzig, Berlin, München, Stadt Brühl, Regensburg, Ulm, Hohenlohe, Rendsburg, Aachen. Scholl-Gymnasien in Puhlheim, Unna, Mannheim, Münster, Berlin, Stuttgart, Taucha, Lüdenscheidt, Bützow, Lebach, Itzehoe, Röthenbach, Wismar.

Freunde, wir kriegen hier noch ein Protokoll zur Funktion „Scholl“ als Datenanhang im Zitatmodus.

Dann lass mal laufen.

Vier. Drei. Zwo. Eins… Zitat „Scholl“ läuft: „Ich merke, dass man mit dem Geiste und dem Verstande wuchern, und dass die Seele dabei verhungern kann.“ Zitatfunktion beendet.

Habt ihr das registriert? Phänomenal. Eine astreine Funktion zum Manöver im Steuer-Vektor. Metaphysisch instabile Kategorien. Sehr stark ausgeprägtes Opferprofil. Gott im Himmel….hätte ich beinahe gesagt. Orbiter, wie sieht’s da oben bei Euch aus? Over.

Orbiter:

Ground, Manöver beendet. Keine weiteren Konflikte. Kann ich Alarmstatus zurücksetzen?

Ground:

Positiv. Keine weiteren Konflikte. „Scholl“ und „Braun“ funktionieren ausgezeichnet. Nehmen Sie das Protokoll zur Seenot-Rettungsstrecke und zum GPS- System wieder auf. Und überprüfen Sie danach die Tele-Kanäle von Meteosat 5

Danke und Over.

Orbiter:

Ground, ich habe da noch was für Euch. Over.

Ground:

Wir sind auf Empfang, Orbiter.

Orbiter:

Meine Sensoren zur Fernerkundung haben in Magdeburg noch ein „Scholl“-Gymnasium registriert. Over.

Ground:

Metaphysischer Fall-Out. Gehört zum Manöver.
Wir nehmen das mit ins Protokoll.
Danke und Over.

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Materialtest.

29. April 2009 · Kommentar schreiben

Der Stoff einer Jeans. Das fühlt man gleich. 
Fest unter den Fingern liegt dieser Stoff. 
Etwas rau, würd ich’s nennen, wie Jeansstoff eben.
Es ist ja auch Jeansstoff, ganz simpel,
da gibt’s nichts daran herum zu rätseln.
Etwas fester hier vielleicht.

Deutlich fest ist so ein Jeansstoff.
Geradezu derb.
Wenn man mal richtig hin fühlt.
Würde man nicht denken, wie derb der sich anfühlen kann.

Sandig?

Überraschend fest. Wenn man zum Beispiel die ganze flache Hand
auf den Jeansstoff legt.
Wie der da so unter der flachen Handfläche liegt, dieser Stoff einer Jeans.

Aber selbst nur unter dem Zeige- und Mittelfinger
fühlt sich so ein Jeansstoff sehr fest an.
Wenn man nur mit dem Zeige-und Mittelfinger über den Stoff streicht.
Dann auch mal ganz leicht drückt.
Oder zwischen Daumen und Zeigefinger.
Dazwischen also. Stabil eben.

Wie Jeansstoff. Es ist ja auch Jeansstoff.

Oder wenn man ihn einfach nur so auf dem Daumen fühlt diesen Stoff.
Ihn mit dem Daumen leicht anhebt.
Wenn der Stoff auf dem ganzen Daumen liegt.
Wenn man ihn mit dem Daumen so leicht hochhebt.
Mit der Oberseite des Daumens.

Die Kante so leicht anhebt.

Die Kante. So ein Stoff hat ja auch eine Kante,
die fühlt man dann zwischen Daumen und Zeigefinger,
wenn man sie dazwischen nimmt, das gelingt auch,
dann kann man die Kante auch so zwischen Daumen und Zeigefinger einklemmen.

Man kann diesen Stoff einer Jeans auch nur mit zwei oder drei Fingern berühren.
Auch mal leicht drauf drücken. So dass er also direkt unter den zwei oder den
drei Fingern liegt. Dann fühlt man ihn auch diesen Jeansstoff.

Wie sich so ein Jeansstoff anfühlt – so derb.
Aber doch wie Stoff.

Oder einfach die ganze flache Hand auf den Jeansstoff legen.
Dann spürt man den ganzen Stoff an der Handfläche.
Die Hand liegt auf dem Stoff.

Eine echte Abwechslung dann, ein ganz neues Gefühl, ergibt sich,
wenn man den Stoff auf der Oberseite der Finger spürt.

Auf der Oberseite der Finger fühlt er sich beinahe noch rauer an, der Stoff.
Zunächst nur auf der Oberseite des Zeigefingers. Auf seinem Knöchel also.
Oder man kann ihn auch über die Oberseite
von zwei oder drei Fingern gleiten lassen,
den Stoff mit der Kante.
Die Kante mit den Knöcheln anheben.

Dann lässt man ihn mit der Kante auch über die Knöchel gleiten
von vier oder fünf Fingern.
Irgendwann dann über den ganzen Handrücken.

Wenn der Jeansstoff über dem Handrücken liegt, gleitet:
Dann fühlt er sich noch einmal besonders derb an.

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Kaminsiki zu Besuch.

27. April 2009 · Kommentar schreiben

Der Sonntag brachte  eine willkommene Ablenkung. Kaminskie (Sektion Physik) stand wieder mal vor meiner Tür. Er hatte „das Bedürfnis zu denken“ – wie er es nennt. Ich kenne Kaminskie und seine Frau vom Powerpoint-Karaoke-e.V. Wir treffen uns dort alle paar Wochen einmal zusammen mit Freunden oder Kollegen von der Fakultät. Ein gemütlicher Raum mit einem Beamer und einem Computer. Jeder bringt einen USB-Stick mit einer Powerpointpräsentation mit, die er irgendwo gefunden oder aus dem Netz gezogen hat. Bier, Chips, und dann geht es los. Die Präsentationen werden gemischt und so per Zufall auf die Anwesenden verteilt. Sinn der Übung ist es, eine plausible Präsentation zu halten, die man selbst nicht kennt und möglichst über ein Thema, von dem man garantiert nichts versteht.
Man könnte nun zu Recht fragen, warum man das nun auch noch in seiner Freizeit macht. Die Antwort wäre: Einfach um zu trainieren. Um im Nichtsverstehen noch besser zu werden. Denn darum geht es im Leben. Nicht nur. Aber meistens.
Sehr beliebt sind Präsentationen, die chinesisch oder arabisch erstellt wurden. Aber auch gefürchtet, nicht weil sie wegen der unlesbaren Schriftzeichen besonders schwierig zu improvisieren wären, sondern ganz im Gegenteil (ggW) Gerade die besondere Fremdheit einer Sache, eines Aufbaus, einer Struktur, entlässt den Präsentator und die Zuhörenden, nach dem man sich engagiert durchgeklickt, durchgestammelt und improvisiert hat, mit dem frapierenden Eindruck, dass man mit dem scheinbar Fernliegensten verspielter, mutiger, produktiver, beinahe vertrauter umgeht als mit Themen, die das so genannte eigene Fach berühren. Diese Einsicht wirkt gleichermaßen frustrierend wie ermutigend. Gegenüber dem Fremden, dem Neuen, ist jeder Mensch ein Anfänger. Und Anfänger haben bekanntlich das sprichwörtliche Glück.
Wie weit dieses Anfängerglück reichen kann, zeigte sich an dem Abend, als Kaminskie zum ersten Mal beim Powerpoint-Karaoke-ev. erschienen war. Ich kam dran und erwischte eine Präsentation zum Thema: „Berechnung lokalisierter Strukturen in dissipativen Systemen im Spezialfall diskreter Dynamiken bei Trajektorie in einer subharmonischen Bifurkation.“ Wirklich nicht mein Fach. Schließlich bin ich Widerspruchsforscher. Eine mathematische Beweisführung in kyrillischer Schrift, die jemand von einem russischen Server gezogen hatte, gehört nicht gerade zu den Gebieten, auf denen ich mich auskenne. (Den Titel habe ich mir hinterher von Kaminskie, der aus dem Baltikum stammt, aber russisch kann, übersetzen lassen.)
Ich erinnere mich, dass Kaminskies baltische Ostseeaugen, während ich mich nun durch das Powerpointdokument hindurchstotterte und improvisierte, erst irgendwie einen bewölkten bis erloschenen Ausdruck annahmen, dann aber öfter heftig blinzelten, schließlich immer konzentrierter schauten, bis er schließlich einen Zettel und einen Stift hervorkramte und sich Notizen machte. Ich hielt Kaminskie für humorlos und mich für komplett ahnungslos aber wenigstens ein bisschen witzig.
Dass sich jemand während einer solchen Präsentations-Karaoke Notizen machte, war selten aber immer schon mal vorgekommen, aber meistens hielten diese Notizen nur ungewöhnliche Formulierungen fest, oder Strichmännchen, wenn die Präsentation gar zu uninspiriert ausfiel, was auch möglich war.
Natürlich fragte ich ihn nach meiner Präsentation, die beim Publikum diesmal für nur mäßigen Unterhaltungswert gesorgt hatte, was er sich denn notiert habe.
Er antwortete mir darauf, dass ich gleich am Anfang und im letzten Drittel zwei Thesen aufgestellt hätte. Eine davon sei interessant. Die andere genial. Er müsse es in der Sektion überprüfen lassen. Ich sagte ihm, dass ich ja wüsste, dass ich genial sei, (Kopernikus, Luther und so weiter), aber ich selbst hätte von dem, was ich geredet hätte, kein Wort verstanden und nun auch alles wieder vergessen.
Kaminskie stellte sich mir also vor. Er sei Physiker. Er erklärte mir, die Präsentation, die ich improvisiert hatte, behandelte Rechenmodelle, die in der Chaosforschung eine Rolle spielten: Dichteverteilung bei Wetterphänomenen, Kristallisiationsbildungen bei Materialsynthesen, aber auch spontane Strukturbildungen in komplexen Molekülverbänden, fließende Dynamiken, Wirbel etc… was ich gesagt hätte, könne er mir nicht weiter auseinandersetzen, weil ich es sowieso nicht verstehen würde. Es sei zu komplex.
Also ein ganz klassischer Fall von Anfängerglück. Wenn ich bedenke, dass mir weder die Formeln noch die kyrillischen Buchstaben der Präsentation auch nur das geringste erdeutet hatten und ich in Wirklichkeit weder Luther, noch Kopernikus, noch Napoleon bin, weder Mathematiker oder Russe, noch genial, also ich muss schon sagen.. stolz bin ich allemal.
Dabei darf es als Widerspruchsforscher für mich kein Gebiet geben, dass mich nicht interessiert. Denn einen gepflegten gutbürgerlichen Widerspruch gibt es überall.
Kaminskie wusste das auch schnell zu schätzen. Wir freundeten uns an, aber wirklich nicht nur wegen seiner Frau, die übrigens auch sehr reizvoll ist.
Kaminskie also, Balte, Physiker mit Ostseeaugen, eher klein in einem teuren und taillierten sandfarbenen Hemd, Liebhaber des Käsekuchens, den ich extra für ihn immer bei Kaisers kaufe, wenn er mich besucht, oder bereithalte, denn manchmal kommt er unangemeldet; Kaminskie, der Mann mit einem unklaren Sonderbereich in seiner Sektion, beinahe kreisrunden Fingernägeln und einem erschreckend guten Deutsch; Kaminski, der aussieht wie jemand, der auch die Nachrichten im Fernsehen sprechen könnte, wenn nicht eine Besonderheit in seiner Mimik ihn oft spontan stark blinzelnd dreinschauen ließe, als würde er von einem plötzlichen Licht geblendet, sei es nun da oder auch nicht.
Das erste Mal nach unserem Kennenlernen und einigen weiteren Powerpoint-karaoke-Abenden, als er vor meiner Tür stand, unangemeldet, so erinnere ich mich, sagte Kaminski: „Entschuldigen Sie die Störung,“ – und es klang genau so, wie es die S-Bahn-Verkäufer von Obdachlosenzeitungen immer sagen – „Entschuldigen Sie die Störung, aber ich suche jemanden, mit dem ich ein wenig denken kann.“
Ich habe ihm sofort das Du angeboten.

Dabei weiß ich nie genau, ob ich mich einfach so freuen soll, wenn Kaminskie vor der Tür steht. Wenn er kommt, wird es oft schwierig. Dann gibt es Arbeit. Er kommt, um mit jemanden zu denken, das sagt er selbst. Dass er als Physiker da so ein ausgesprochenes Bedürfnis hat, wundert mich trotzdem. Kaminskie hält mich für einen Philosophen. Ein Missverständnis, dass ich nur ganz schwer aufklären kann. Ich bin Widerspruchsforscher. Das ist etwas ganz anderes. Ich komme in meinem Bereich nicht ganz ohne Denken aus, das gebe ich gern zu. Bis heute habe ich Ihm nicht erklären können, worin der Unterschied besteht. Wenn ich ihm sage, ich beschäftige mich mit Widersprüchen, nicht mit Philosophie, dann meint er da immer abwinken zu müssen mit der Bemerkung, das eben sei ja Philosophie. Nun habe ich selbst noch nicht definiert, was genau den Unterschied ausmacht. Ich weiß nur, dass ein Widerspruchsforscher kein Philosoph ist. Ganz sicher nicht. Es kann mir aber auch egal sein, was Kaminskie darüber denkt. Es würde auch nichts ändern, wenn er verstünde was ein Widerspruchsforscher tut. Unsere Gespräche sind so oder so für mich erhellend. Ich schneide sie mit und protokolliere die wichtigen Teile. Er weiß das und hat nichts dagegen, weil er es als Wissenschaftler versteht. Gespräche gehören zu meinen Forschungsgegenständen. Dafür hat er das Privileg, mich aufzusuchen wann immer er will. Und er nutzt es. Meistens fängt es ganz harmlos an.

Letzten Sonntag zum Beispiel wollte ich von ihm wissen, ob seine Sektion schon „meine“ Thesen überprüft habe.
Nein, das sei noch nicht geschehen. Es dauere. Das Kauderwelsch, das ich verzapft hätte, müsse erst noch algorithmisiert werden werden, erst dann lasse sich feststellen, ob er sich auf offene oder geschlossene Strukturen anwenden lasse. Das müsse aufwendig berechnet werden. Zudem sei es nicht das Fachgebiet seiner Sektion. Deshalb habe man einen Experten aus Russland angeworben, der sich auf diesem Gebiet gut auskennt. Aber die Verhandlungen seien noch nicht abgeschlossen.

Da es meiner Eitelkeit unendlich schmeichelt, dass ich als mathematischer Blindgänger und Clown einer Powerpoint-Karaoke nun eine Arbeitsgruppe beschäftige, die zudem noch einen russischen Experten anwerben muss, hake ich hier willkürlich ein und tue jetzt so, als ob ich der große Auskenner bin. Und sage folgendes zu Kaminskie:

Beginn des Protokolls

„…allgemein betrachtet sind wir alle doch offene Gebilde. Während wir hier sitzen wird unser Gehirn durchblutet, beatmet, ernährt: Temperiert. Ja, es konnte nur aus dieser Offenheit erwachsen. Zeitlich: Im Prozess der Bildung von Struktur. Räumlich: Im Prozess der Konzentration von Struktur. Von daher und als Ort, an dem eine bestimmte Temperatur und ein Ernährungsstand im Zufluss und im Abfluss geregelt, gehalten und immer wieder neu ermittelt wird, muss es ein offenes Gebilde sein und bleiben. Es schwimmt in und mit der Welt. Wie eine vorübergehende Konzentrationserhöhung, Kräuselung, Strömungs-Verdichtung im allgemeinen Fluss der zeitlichen und stofflichen Bewegtheit, sprich: der stofflichen Weltbewegung. Sein „Innen“ schwimmt im Blut des „Außen“. Und wird von ihm genährt.

Einigermaßen enttäuschend daran ist, dass all dies Gesagte auch von einem Stein gesagt werden kann.

Das behauptet jedenfalls Kaminski.
Und der antwortet so:

„Ein Ort im Universum, wo ein Gehirn ist, verhält sich zu einem Ort im Universum, wo kein Gehirn ist, in gleicher Weise, wie sich ein Ort im Universum, wo ein Stein ist, zu einem Ort im Universum verhält, wo kein Stein ist.“

Kaminskies Terror der Grammatik.

„Willst Du damit sagen, dass es keinen Unterschied zwischen einem Gehirn und einem Stein gibt.“

„Nein. Ich habe noch gar nichts über den Unterschied gesagt. Ich suche nach der Referenz, die einen Unterschied erst ermöglicht. Sinnvoll macht.“

„Wird auch ein Stein beatmet, durchblutet, ernährt, temperiert?“

„Sieh mal, wenn du zwei Objekte voneinander unterscheiden willst, dann brauchst du eine Referenz. Du brauchst einen Hintergrund, vor dem du diese beiden Dinge betrachten kannst. Ein Hintergrund, der die Dinge zunächst einmal gleich macht.

„Das verstehe ich nicht. Wieso „gleich macht“? Ich will sie doch unterscheiden?“

„Gut, also stell Dir vor, du willst eine Kugel und einen Würfel voneinander unterscheiden. Worin unterscheiden sie sich?
„Das eine Ding ist rund. Das andere Ding hat Ecken und Kanten.“
„Und was bedeutet „rund sein“ oder „Ecken und Kanten haben“ ?
„Sie haben eine Geometrie.“?
„Richtig. Siehst du. Es sind geometrische Körper. Aber dass sie „Geometrie haben“ gilt für beide. Mit dem Wort Geometrie hast du sie beide gleich gemacht, um sie unterscheiden zu können.“

„Kamninskie, willst du damit sagen, dass jede Unterscheidung eigentlich eine Gleichmacherei ist? Das wäre ja ein ausgewachsener gutbürgerlicher Widerspruch, Ein sehr gepflegter noch dazu! Danke dir dafür. Das heißt, wir unterscheiden den Würfel und die Kugel, indem wir sie gleich machen und beide als geometrische Körper bezeichnen. Das ist …

„Eben. Wir „vergleichen“ sie. So heißt das Wort. Meine Frage wäre nun, ob es sinnvoll ist, ein Gehirn und einen Stein danach zu unterscheiden, ob sie durchblutet werden oder nicht? Oder ob es denken kann oder nicht. Wenn du einfach nur sagst, die Kugel ist nicht eckig, der Würfel aber schon, was hast du damit gewonnen? Was weißt du dann mehr?“

„Ich könnte mir jetzt zum Beispiel vorstellen, dass man eine Kugel gut rollen kann, einen Würfel aber nicht. Ist doch sehr praktisch.“

„Na schön. Aber du hast sie damit wieder nicht unterschieden, sondern gleich gemacht. Denn „rollen können“ und „nicht rollen können“ haben welchen gemeinsamen Hintergrund?“

„Die Idee der Bewegung. Verstehe.“

„Siehst Du. Man kommt vom Hundertsten ins Tausenste. Zudem könnte auch ein anderer kommen und sagen, Kugel und Würfel unterscheiden sich gar nicht, denn beide sind rot. Zum Beispiel. Weil er als Referenz die Farbe nimmt. Es gäbe noch zig Möglichkeiten, sie voneinander zu unterscheiden oder gleich zu machen“

„Aber Kaminskie, mal ehrlich, so ein bisschen ist das doch Platon für Arme oder?“

„Für Reiche, mein Lieber! Für Reiche! Dass wir diese Unterscheidungen auf Grund einer Gleichmacherei – du nennst das einen gepflegten Widerspruch – vornehmen können, ist eine Riesenleistung!

Aber was heißt das denn jetzt? Gibt es nun einen Unterschied zwischen einem Gehirn und einem Stein oder gibt es ihn nicht?

Im Grunde interessiert mich diese Frage hier gar nicht. Ich bin weder Philosoph noch Hirnphysiologe, sondern Widerspruchsforscher. Aber mich interessiert die Struktur unseres Gesprächs. Kaminskie weiß das. Auch ihn interessiert diese Frage nur mittelbar. Aber er spielt gut mit. Auch er hat schließlich ein Forschungsgebiet. Ein sehr guter Partner.

Kaminskie antwortet, indem er sich ziemlich lässig zurücklehnt, als würde er meine Frage wie Asche von einer inneren Havanna Cohiba abtippen:

„Also, zunächst ist ein Gehirn nichts weiter als irgendwas zwischen 1200g und 1300g Materie. Aber missversteh mich da bitte nicht, wenn ich sage: „nichts weiter“. 1300g Materie sind zwar nicht gerade eine kosmische Größe, aber physikalisch betracht kann man sich damit schon ein kleines Feuerchen anmachen. Und es braucht auch ein kleines Feuerchen, um 1300g Materie zu erzeugen.“

Er rechnet mir vor, dass nach der Einsteinschen Materie-Energie-Äquivalenz 1300g Materie komplett in Energie dargestellt etwa der Jahresleistung von 4 Kernkraftwerken entspräche.

Leider aber gilt das Selbe auch für einen Stein, der 1300g schwer ist, und für ein Stück Holz ebenso wie für eine 1300g schwere Echse.
Ich bin nicht sehr amüsiert.

Kaminskie sieht es mir an meinem Gesichtsausdruck an. Deshalb sagte er:
„Wie kommst du eigentlich darauf, dass ein Stein kein offenes System ist und nicht so wie unser Gehirn an der stofflichen Bewegtheit des Weltgeschehens teilnimmt? War der Stein etwa keiner zeitlichen Strukturbildung unterworfen? Und gilt für ihn nicht auch, dass sich an seinem Ort eine bestimmte Struktur konzentriert hat? Und steht ein Stein etwa nicht im energetischen Austausch? Zieht er sich nicht zusammen wenn es kalt wird, und dehnt er sich nicht aus, wenn es warm wird, und wird er nicht von Wind und Wasser geformt, geschliffen, verändert und sogar wieder zerstreut wie ein ganzer Mensch mit seinem Gehirn?“

„Ja ja, nein nein, doch doch, aber ich meine….“

Kaminskie fährt fort: „Ich wollte dir mit unserem kleinen Smalltalk über die Kernkraftwerke lediglich zu verstehen geben, dass alle Punkte im Universum, egal ob da nun ein Stein liegt, ein Gehirn herumwabbelt, oder gar nichts ist, zuerst ihrer Temperatur nach bezeichnet werden können. (Kaminski spricht perfekt deutsch, aber immer wenn er Temperatur sagt, dann hört man ihm das Baltische an.) Und wenn wir Physiker von Temperatur sprechen, dann meinen wir immer auch: Energie. Aber es kommt noch besser: Wenn wir von Energie sprechen, dann meinen wir seit Einstein immer auch: Materie. Und dass die Annahme dieses Äquivalents seine Richtigkeit hat, ist – leider – bombensicher, davon kannst Du mal ausgehen.“

„Also sorry“, – sage ich zu ihm – „das klingt jetzt beinahe so, als würdest Du gar keinen Unterscheid zwischen einem Stein und einem Gehirn gelten lassen. Damit bin ich aber nicht einverstanden. Immerhin unterhalten wir uns hier. Könnte es außerdem sein, dass wir irgendwie unterschiedliche Temperaturbegriffe benutzen?

Dazu sagt er dann folgendes:
„Ja, du sprichst da wirklich ein Dilemma an, dass bei Laien oft zu Missverständnissen führt. Ich will es so formulieren: Wir Physiker sprechen zwar immer mal wieder entweder von Temperatur oder von Energie, oder auch Frequenz, und wir benutzen auch verschiedene Maßeinheiten wie Kelvin, Elektronenvolt, Hertz oder Joule, tatsächlich aber meinen wir immer das selbe, nämlich Energie. Wann wir was und warum benutzen, ist abhängig von dem Kontext, verstehst du, was gemessen werden soll, von dem Ort auf der Skala, und von den Formen, in denen sie auftritt. Aber Sie können die verschiedenen Maßeinheiten prinzipiell zueinander in ein Verhältnis setzen, ineinander umwandeln. Ich möchte dich nicht mit Formelkram und Lexikoninhalten langweilen, aber was oft verdrängt wird, ist das:
Energie gibt es nicht. Also so, wie es ein Stück Brot gibt. Energie ist eigentlich so etwas wie eine – hier überlegt er sehr lange und blinzelt – sehr reale Halluzination. Mit Energie wurde lediglich ein Begriff gefunden, der die Fähigkeit eines Systems definiert, Arbeit zu verrichten. Und das immer im Unterscheid zu einem vorher definierten Zustand, in dem keine Arbeit verrichtet wird.
Dass sich Wassermoleküle bei einer bestimmten Temperatur bewegen, bescheinigt Ihnen eben die Fähigkeit, Arbeit zu verrichten. Zum Beispiel andere Moleküle anzustoßen. Bescheinigt Ihnen, dass sie energiereich sind. Nur macht es in diesem Kontext eben keinen Sinn, die Temperatur in Elektronenvolt anzugeben, weil uns hier nicht interessiert, welche Bewegungsenergie die beteiligten Neutronen haben, sondern wann mein Wasser so heiß ist, die Moleküle sich so schnell bewegen, dass sie den Dreck aus der Wäsche lösen. Zwischen Molekülen und Neutronen liegt aber eine gigantische, fast schon kosmische Skala. Deshalb hier Kelvin oder im Alltagsgebrauch Celsius. Du kannst es noch allgemeiner formulieren: Der Begriff Energie ist ein sehr brauchbares Werkzeug, um auszudrücken und zu ermitteln, dass überhaupt etwas geschieht, dass sich etwas bewegt, wie stark es sich bewegt, oder ob eben gerade mal überhaupt nichts passiert…. wobei es den absoluten Stillstand eigentlich nicht gibt.
Ich will also damit sagen, dass die Worte Temperatur und Energie für einen Physiker beinahe das Selbe meinen. Da wir aber Prozesse auf riesigen Skalen beschreiben, wechseln wir manchmal die Maßeinheiten und Begriffe. Weil man mit einer Waschmaschine eben etwas ganz anderes verfolgt als etwa mit einem Teilchenbeschleuniger….“

„Warum kommst Du mir mit diesem Zeug? Damit wären wir ja wieder bei der Idee der Bewegung“

„Ich komme dir damit erstens, damit wir unsere Temperaturbegriffe gegeneinander abgleichen können und zweitens, um dir damit, wie sagt man bei Euch, durch die Blume, mitzuteilen, was hinter deinen philosophischen Begriffen von „Strukturbildung“, „Bewegtheit des Weltganzen“ „Strukturkonzentration“ „Durchblutung“, „Ernährung“ „Beatmung“…“Kräuselung“… und was Du noch so erfunden hast, steckt: Es sind Temperaturprozesse, Energie.
Wenn du dich dem Gehirn als Diskussionsgegenstand und energetisch offenem System nähern willst, reicht es eben nicht allein, dass du dort ein Thermometer hinein steckst und dann abliest: 37 Grad Celsius, ein bisschen Blut, ein bisschen Wasser, Zucker, Salz und hoppla: Es kann denken.
Unser Gehirn hat noch eine ganz andere Temperatur, die du in deiner Sichtweise der Sache immer vernachlässigst. Willst Du wissen, welche Temperatur mein oder dein Gehirn nach Einstein hat? Ich sag’s dir: 1300g Gehirnmasse nach der speziellen Relativitätstheorie verlustfrei in Energie umgesetzt (hier pustet er sich kurz ein Fussel vom Ärmel) bringen 117 000 000 000 Mjoul Energie (sprich: Einhundertsiebzehntausendmillionen Megajoul) Soll ich’s Dir in Hiroshimabomben umrechnen?“
„Muss das sein? Du klingst wie so ein Typ von der Scientology-Sekte“
„Du weißt, dass ich von etwas ganz anderem spreche. Es sind zufällig round about 1300 Hiroshimabomben.“
„Willst Du eine ungefähre Vorstellung von der Temperatur haben, die dabei auftritt?
„Du sagst es mir sowieso.“
„Stell Dir einen Blitz vor, der ungefähr 10 Sekunden lang dauert. Dann sind es
im Zentrum des Ereignisses ungefähr Eintausendmilionen und ein paar zerquetschte Grad Celsius. Zehn Sekunden lang. Sprich die Zahl Eintausendmillionen 4 mal aus und 10 Sekunden sind vergangen. Näherungswerte, sehr theoretisch und grob überschlagen. Aber es wird sehr warm.“

„Das nennst du also Vorstellung. 10 Sekunden sind eine lange Zeit.“

„Ja, eine lang lange Zeit. Da kann man sich schon sein Pfeifchen dran anzünden. Und deine Sonnebrille kannst du hinterher auch wegschmeißen, wenn es noch etwas gibt, wo du sie hinschmeißen kannst.“

„Gut, aber was beweist das? Auch der Dreck unter meinem Fingernagel, nach Einstein verlustfrei in Energie umgesetzt, dürfte theoretisch schon einen enormen Heizwert haben.“

„Ich wollte Dir damit gar nichts beweisen. Ich habe dir nur das Äquivalent von Energie vorgerechnet, die in der Masse unseres Gehirns steckt. Vielleicht versteht man ja das Gehirn besser, wenn man seine Strukturbildung und seine grundsätzliche Offenheit nicht nur biologisch betrachtet, sondern auch physikalisch.“

„Gut, wir haben also einen enormen sehr theoretischen Blitz im Kopf, der in Materie gefangen ist, aber dieser Äquivalenzblitz steckt auch in einem Stein von der selben Masse, oder in einer großen Echse von mir aus. Sie steckt eben überall. Du kannst auch den ganzen Menschen nehmen, oder alle Menschen… damit kannst du wahrscheinlich die ganze Welt in die Luft sprengen….das besagt doch gar nichts. Gefragt war doch, was ein Gehirn von einem Stein unterscheidet.“

„Na eine Antwort wäre zum Beispiel: Es kann auf mehr oder weniger erfreuliche Art Masse in Energie verwandeln.“

„Na toll. Wirklich sehr überraschend. Da haben wir uns ja wunderbar im Kreis bewegt. Ich will aber wissen, warum es das kann. Und ein Stein eben nicht. Und es verwandelt ja auch nicht seine eigene Masse in Energie, sondern die von mühselig angereichertem Uran oder anderen Stoffen Und dazu benutzt es Hände, Stift, Papier, Schaufelbagger….“

„Vielleicht hast du oder haben wir einfach die falschen Prämissen zur Unterscheidung angesetzt. Es wird doch wohl erlaubt sein, das Gehirn zunächst einmal auch als physikalisches Objekt zu betrachten, in diesem Fall als Masse…“

„Entschuldige, aber was soll das bringen?“

Also, du hast mich gefragt, was ein Gehirn von einem Stein unterscheidet. Aber wenn du zwei Objekte voneinander unterscheiden willst, dann brauchst du eine Referenz. Du brauchst einen Hintergrund…..

… „Ich weiß, einen Hintergrund, der die Dinge zunächst einmal gleich macht.“

Genau. „Ich habe nach einem Hintergrund gesucht, vor dem eine Unterscheidung überhaupt erst sinnvoll ist, und habe hierfür, also als großen Gleichmacher, die Temperatur, sprich: Die Energie, sprich: die Materie vorgeschlagen. Ob dieser Hintergrund praktikabel oder ganz falsch ist, wissen wir noch nicht.

„Aber das alles haben wir jetzt mit unserem Gehirn gemacht, Kaminskie.“

„Eine Atombombe funktioniert auch außerhalb unseres Gehirns, das kannst du einfach mal glauben.“

Ende des Protokolls

Die Gespräche mit Kaminskie nehmen oft diesen seltsamen Verlauf. Das Problem an Kaminskie und unseren Gesprächen ist, dass er sich mir gegenüber Lässigkeiten und Verallgemeinerungen erlaubt, die er sich gegenüber seinen Fachkollegen nicht erlauben würde. Er tut das mit einem guten Vorsatz. Er möchte unsere Gespräche nicht durch Details verfilzen lassen. Dabei hält er meine Zumutbarkeitsschwelle für niedriger, als sie tatsächlich ist.

Laborintern zur Weiterbearbeitung:
Wenn Kaminskie von „riesigen Skalen“ spricht, könnte er sich ja durchaus zu einem anschaulichen Beispiel bequemen. Auch deshalb bin ich nie so ganz zufrieden, nachdem ich mit ihm gesprochen habe, weil seine Besuche sich mir oft zu ganzen „Kaminskie-Tagen“ erweitern, an denen ich dann mühsam einigen Details hinterher recherchiere. Wenn er von riesigen Skalen spricht, dann meint er Verhältnisse. Dass etwa der Kern eines Atoms sich zur Atomhülle verhält wie ein Pfirsichkern in der Mitte des Olympiastadions. Wenn ich mir dann vorstelle, dass dieser Pfirsichkern beinahe die gesamte Masse des Olympiastadions enthält, fühlt sich das bereits merkwürdig an. Ein einziges Wassermolekül, dass aus einem H –Atom und zwei O – Atomen besteht, muss ich mir dann als 3 Olympiastadien vorstellen, die aneinander gekoppelt sind, mit jeweils einem Pfirsichkern in der Mitte.
Zudem hat Kaminskie auch allzu lässig die Energieäquivalenz von 1300g Masse nach der speziellen Relativitätstheorie und der berühmten Formel E=mc quadrat berechnet. Obwohl er es besser weiß. Besser als ich. Kann man prinzipiell machen, ist aber dermaßen theoretisch vereinfacht, dass es sich schon beinahe wieder verbietet. Die Vorraussetzungen hierfür sind einigermaßen kompliziert. Wenn sich 1300g Materie einfach so in einem Einsteinofen vollständig in Energie darstellen ließen, hätte man ja alle Energieprobleme gelöst. Bei der Hiroshimabombe wurden aber gerade mal
1 Gramm der beteiligten Uran-Ruhe-Masse (es waren insgesamt ca 50 Kg) auf diese Weise ad hoc in Energie verwandelt. Dass funktionierte aber auch nur deshalb, weil Atomkerne gespalten wurden, die von vornherein instabil waren, angereichert, künstlich aufgepumpt wie übergroße Wassertropfen, die ab einer bestimmten Größe durch einen Anstoß in kleinere Tropfen auseinanderplatzen. Was da an Energie frei wurde, entsprach immer nur der Bindungsenergie von diesen aufgepumpten Urankernen bei jeweils einer Spaltung, schlagartig potenziert in Kettenreaktion.
Zwischennotiz Bindungsenergie – sehr interessanter Effekt, der sich als Widerspruch tarnt, aber keiner ist: Die Teile eines Atomkerns, wenn man ihn spaltet, haben mehr Bindungsenergie, als der Atomkern, wenn man ihn ganz lässt. Dieses Mehr an Bindungsenergie entspricht einer relativistischen Masse, die im Moment der Spaltung nicht als Masse, sondern als Energie, Temperatur und Strahlungsdruck vorliegt. Diese Sache muss ich besser verstehen, weiter untersuchen. Merkwürdiges Phänomen.
Die zwei entstandenen neuen Spaltkerne (Nuklide) wurden dann aber schon nicht mehr in Kettenreaktion gespalten. Sie flogen in der Gegend herum, oder zerstrahlten langsam. Gereicht hat dieses eine Gramm Massedefekt leider trotzdem.
Wollte man 1300g Gehirnmasse auf diese Weise vollständig ad hoc in einen Energieblitz verwandeln, müsste man alle beteiligten Elemente ad hoc spalten, bis sie allesamt zu Wasserstoffkernen mit jeweils einem Proton im Kern zurückverwandelt worden sind. Da aber beginnt schon die Schwierigkeit. Ein Kohlenstoffatomkern ist sehr sehr stabil. Ihn ad hoc einfach zu spalten, fällt sehr sehr sehr schwer. Alle Elemente, die im Periodensystem vor Eisen liegen, lassen sich nur spalten, wenn man mehr Energie dafür aufwendet, als man erhält. Also müsste man sie fusionieren. Alle Elemente schwerer als Wasserstoff sind aber schon Fusionsprodukte, Wasserstoffkinder. Wasserstoffkindeskinder. Wasserstoffenkel.
Dann müsste man zum Schluss auf zauberische Weise alle verbliebenen Wasserstoffkerne mit der gleichen Menge von Antiwasserstoffkernen (ggW?), die man sich auf quantenmechanische Art und Weise irgendwie aus dem Vakuum geborgt hat, zusammenschießen, um alle Materie in einen letzten reinen Energieblitz zu verwandeln. Oder man wartet, bis sie von alleine zerstrahlt sind. Was aber dauert. Kaminskie könnte mir schon etwas mehr zumuten.
Vielleicht geht es aber noch anders. Um an die Energie heranzukommen, die in 1300 g Gehirnmasse materialisiert ist, könnte man alle beteiligten Elemente auf ihren Geburtsweg zurückschicken, durch mehrere Generationen von Sternen hindurch, bei deren Tod sie in ihrem Inneren durch Kernfusion erbrütet wurden, müsste sie noch weiter in ihren Geburts-Zeitkanal zurückstopfen bis zu den ersten Ursternen, die nur aus reinstem Wasserstoff sich bildeten und noch weiter zurück bis in die Zeit als noch gar keine Sterne existierten, sondern nur eine große Wasserstoffwolke, aber auch durch diese Zeit müsste man die Kerne noch rückwärts hindurch tragen, bis zu jenem Augenblick, als noch nicht einmal Kerne existierten und ein ursymmetrischer und ultraheißer Zustand durch eine winzige Unregelmäßigkeit so gestört wurde, dass es nicht mehr genau 50 zu 50 für Materie und Antimaterie stand (Antimaterie – ggW? klären, was das ist.) , die sich in einem Blitz beide vollständig hätten in Energie erlösen können, nein, es stand irgendwie 50,7 für Materie und 49,3 für Antimaterie, vielleicht durch einen Fussel am Ärmel Kaminskies, der dazu führte, dass eben nicht alle Materie wie Antimaterie sich in einen Energieblitz vernichtete, dafür aber ein Dreck von Materie bleiben durfte, aus der wir heute und alles Anfassbare bestehen. Dabei hätte man aber rein gar nichts gewonnen, weil das Energieäquivalent von 1300g Gehirnmasse eben der Energie entspricht, die es brauchte, um sie durch den Geburtszeitkanal in unsere Gegenwart und schließlich in meinen oder Kaminskies Kopf hinein ploppen zu lassen.
Man kann es sich natürlich auch leichter machen, so wie Kaminskie, einfach so
die Masse des Gehirns mit dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit multiplizieren, und dann sein Pfeifchen dran anzünden. Dabei ist er der Physiker von uns. Gut, er will unsere Gespräche nicht verfilzen lassen.

Kurzum: Kaminskie hat mir in seinem entspannten Sonntagsinteresse für Philosophie, und vielleicht auch weil er mich nicht überfordern wollte, unterschlagen, dass die Quantenmechanik bestimmte Bedingungen stellt, damit E=mc quadrat gilt.
Die Formel ist deshalb nicht falsch, aber davor steht die Zicke Quantenmechanik, die ihre Bedingungen stellt. Und diese Bedingungen sind nicht ohne weiteres zu erfüllen, schon gar nicht zu umgehen. Sie stellt Regeln auf, die verhindern, dass bestimmte Sorten von Teilchen zusammenkommen oder sich trennen dürfen und sich nur unter bestimmten Vorraussetzungen ineinander umwandeln. Soll ich dem nun auch noch hinterher recherchieren, Kaminskie?

Insofern war Einstein eigentlich ein ziemlicher Fußgänger. Das muss man einfach auch mal sagen dürfen. Seine Leistung war doch sehr relativ! Er hat uns mit seiner Superformel Hoffnung gemacht auf Zeitreisen und ein energetisches Schlaraffenland, und was ist davon geblieben? Ein abgenagtes Hühnerbein auf einer Toilettengeld-Untertasse. Und das wird auch noch bewacht von der alten Fettel Quantenmechanik, die eine Atombombe in der Hand hat, von der sich herausstellt, dass man sie wahrscheinlich sogar ohne E=mc quadrat zusammenbasteln kann. Ich finde das alles ein wenig enttäuschend.

Ganz ausdrücklich: Ich bin nicht Albert Einstein!

Okey, das nehme ich zurück. Beides.

Grundsätzlich hat Kaminskie Recht: Jede Masse entspricht einem Energieäquivalent. Hat sogar, wie ich jetzt mühsam recherchiert habe, eine Strahlungsfrequenz. (Planck) Nur ist es Blödsinn von einer Umwandlung zu sprechen. Masse IST Energie in einer anderen Form

Problem: Zwischen einer biologischen Betrachtung und einer physikalischen liegen gigantische Skalen.

37 Grad Celsius. Reden Biologen und Physiker eigentlich miteinander? Können sie sich hören?

Worin Kaminskie auch wieder gut war: Mit seinem Hinweis auf die Referenz, die es braucht, um ein Ding von einem anderen Ding sinnvoll unterscheiden zu können. Ein Gehirn von einem Stein. Überhaupt – die Gleichmacherei in der Unterscheidung. Das Ver-Gleichen.

Willst Du etwas erkennen, musst Du es unterscheiden.
Willst Du etwas unterscheiden, musst Du es erkennen.

Vor welchem Hintergrund. Was bestimmt Ihn?

Allerdings wusste das vor Kaminskie schon George Spencer Brown.

Wie ist es möglich, dass wir gleichzeitig unterscheiden indem wir gleichmachen, ohne uns zu verheddern?

Sehr gepflegter, gut gekämmter und gut angezogener Widerspruch. Mit glänzenden Budapester Schuhen.

Muss Kaminskie das nächste Mal fragen, woran er eigentlich genau arbeitet.

Unsere Gesprächskultur justieren.

Käsekuchen einkaufen.

Nachtbild Ernährung/Notiz

Ob man nun will oder nicht, schickt das Gehirn seine ihm zugespielten Reize immer noch einmal in den Toaster, weil es mit der realen Lappigkeit des Wirklichen nicht umgehen will, nicht umgehen kann. Es gehört ja selbst dazu. Also toastet es die Prozesse, die es ergreift, zu Krusten, damit sie Denk-Gegenstände werden, kognitiv Biss haben, al dente sind. Was Fließen, was Bewegung war, wird Gegenstand. Der krachende Biss hält ein Stück Bewegung fest. Erobert sie. Begreifend. Im Gebiss. Aber es ist immer nur ein Stück. Den Rest muss es am Gebiss vorbeischwimmen lassen. Bis es das nächste Mal danach schnappt. Aber so ganz peu a peu hat es überall schon einmal zugebissen und große Körner gekrustet. So entsteht ein grobkörniges Bild von dem, was IST. Noch kein schönes Bild, und man kann noch kaum etwas erkennen. Aber dann zerbeißt es die Körner feiner und feiner und das Bild wird feinkörniger, schärfer. Wenn man sie verstehen will diese Bewegung, kann man Bewegung nicht gleichsam widerstandslos trinken, atmen, lutschen. Kein Beweis, aber eine Stütze der These: Ich habe noch nie jemanden sagen hören, er hätte Durst auf Leben oder Durst nach Liebe? Oder dass jemand gesagt hätte: „Ich habe Dich zum Trinken gern.“ Hier regiert der Hunger. Dabei ist der Durst viel mächtiger als Hunger. Man kommt 40 Tage ohne Essen aus, aber schon nach 5 Tagen ohne Trinken beginnt das Sterben. Trotzdem ist es der Hunger, der regiert. Lebenshunger – Liebeshungrig. Der krachende Biss. Aber weil der Biss regiert, heißt das noch lange nicht, dass nun gleich alles zum Beißen ist. Wie ist der Rest? Wo ist das Andere? Und vor allem: Was ist es? Wissensdurst! Ich geh erst mal ins Bett und stell mich dumm.

Wenn ich aufwache, bin ich Künstler.

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Tagebuch: Frühlingsdreieck.

27. April 2009 · Kommentar schreiben

Spielerei zwischen Arktur, Spika und Regulus. Okularprotokoll 2 Uhr 34

Femme, DIE KOMA, heißt ein Wort, dringt vor in deine Nacht.

Weit weit, den Bahnen fern des Jupiter, Saturn und Pluto
schnürt ein Kreis aus Splittern, Fels und Eis – den Gürtel Kuipers.
Hier her strahlt die Sonne punktgleich nur aus Schwarzem.
Als greller Nadelkopf, Billionen Kilometer weg, doch schwer,
im Zentrum Dir und mir, bleibt sie der starke Stern im Ring.

Schläfst du? Störung bald entreisst dem Traum ein Brocken.
Anomalien, Vektoren, Riesen aus Gas, Neptun und Uranus,
Schwerkraftsummanden zerren gewaltsam diesen Fels.
weg von seinem Platz und hin: zu neuem Kurs, auf neue Bahn.

DIE KOMA heißt ein Wort, das zündet an ein Eis.

Gesicht, wenn dieser Berg eins hat, ist stumpf noch, grau
in grau, die Form kartoffelartig, schneeverpackt mit Kratern,
Zacken, eingedellt, nicht eine Schönheit zwar, doch immerhin:
Zweiundzwanzig Kilometer im Kubik – bei Mängeln am Design.

So schwingt er sich, der Ausgerissne, hinein in die Ellipse.
Geschwindigkeit gewinnt er rasend in den Feldern, Massen,
Riesenreich des Jupiter passiert er, so beschleunigt ihn, katapultiert,
Geschoss wird er, nimmt Fahrt auf, Vagabund seines Systems.

Femme, DIE KOMA, so das Wort, wird glühen deinem Aug.

Planeten sind gefährlich seiner Bahn, die helfen, ziehen hier,
doch könn’ sie Ihn auch fangen, prallen, bremsen stoppen.
Schneller wird er davon, immer schneller, er entweicht
den Kollisionen, verwandelt sein Gesicht dabei, taut auf, wird heller – femme!

Gesicht, das er doch hat! Verwandeln wird sich das im Flug.
Im Wind des Sterns, der näher schon heranrückt –  strahlt
jetzt diesem Fels und Klump von Eis den Dreck aus der Visage.
Sieh da! Kartoffelhässlich war er gerade –  jetzt steht er da als EIN KOMET!

DIE KOMA, so das Wort, es macht die Sonne.

Schmelzen kann sie, lachend machen, das Gemisch aus Stein
und Schnee. Zieht ihn zu sich, bläst mit Teilchenwind dabei
ihm seine Fresse schön. So geht er auf in Abends Himmel, bläht sich,
Spreizt sich über Mensch und Tier mit dickem Kopf und Schweif.

Angeber einer wie er ist, sonnt er sich in seiner Sonne Wind.
Blasen tut die mächtig, macht ihn größer, weiter wachsen.
Unten schenkt man ihm jetzt Namen: Halley, Encke,Tempel Eins.
Angst auch haben manche Menschen, meistens unbegründet.

Femme, DIE KOMA, so das Wort, sie macht das Leben schön.

Erzählt wird auch, KOMETEN sein’s gewesen, Staub vielleicht,
der Leben brachte auf die Erde, stimmt’s, stimmt’s nicht, wer weiß.
Form nach, die er hat, der Wahrheit könntes ja entsprechen.
Schweifstern nannte man ihn früher, vor den Zeiten Teleskops.

Manchmal aber, Femme, all paar Millionen Jahre, kann es sein,
solcher Berg doch näher kommt, näher noch, näher als erlaubt.
Weit auf die Augen dann reisst er den Wesen, die ihn kommen sehen.
Pupillen dehnt zu schwarzen Löchern er und sprühend knallt er da hinein.

DIE KOMA, so das Wort, dringt ein in deinen Tag.

Reissverschluss schnell zieht er den Himmel auf und scharf
mit Fünfundzwanzigtausend Metern pro Sekunde platzt ein Spalt
gleißend über Steppen, Flüsse, Wälder, Wüsten, Meere – Städte
gießt er das All durch diese offene Wunde, seine Kraft, die Zeit, den Tod.

Ja, auch das. Doch besser DER KOMET in großen Augen donnert.
Tauscht im kleinen Tod hier SEINE KOMA dampfend gegen Sonne.
Bleibt im Kraftfeld ihr erhalten näher, manchmal nah, dann wieder ferner.
Und leuchtet dann und wann, hell auf, stößt vor, zieht sich zurück,

streift, kommt wieder…

Femme, DIE KOMA, so das Wort, geht auf.

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